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Muttenz, Hardwald – ein zweiter exotischer Fund aus der Spätantike

«Seit 2018 ist der in der Rheinebene bei Muttenz und Pratteln gelegene Hardwald Ziel systematischer Prospektionen (s. Römische Silbermünzen in der Hard (2023)). Wie den entsprechenden Jahresberichten zu entnehmen ist, kamen dabei hauptsächlich Gegenstände aus der jüngeren Eisen-, der Römer- und der Neuzeit ans Licht. Darunter befinden sich so aussergewöhnliche Stücke wie der ‹Scheibenknebel› einer Pferdetrense, die vermutlich ein berittener Soldat iberischer Herkunft in der späten Römerzeit hier verloren hatte (s. Spätrömische Phalera aus dem Hardwald).»

«Zu diesem exotischen Objekt, das in Zusammenhang  mit dem spätantiken Grenzschutz am Hochrhein und den dafür errichteten Wachtürmen in Birsfelden und der Muttenzer Hard zu sehen ist, gesellte sich im Berichtsjahr ein weiterer Fund, der aus grosser Ferne hierher gelangte. Es handelt sich um einen spätrömischen Mantelverschluss, eine massive ‹Stützarmfibel mit stabförmigem Bügel und Achsenträger›. Entdeckt hat das ausgezeichnet erhaltene Stück der ehrenamtliche Späher Marcus Mohler.»

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Die spätrömische Stützarmfibel nach der Restaurierung. Länge 5,5 Zentimeter.

«Die Fibel besteht aus einem fazettierten und mit Kerbrillen verzierten ‹Fuss›, einem kräftigen Bügel mit weiterem Kerbdekor, seitlichen Kreisaugen und kreis- und mandelförmigen Punzen sowie einem analog verzierten, massiven Querarm mit drei Achsenträgern, an denen die eiserne Verschlussfeder der Nadel befestigt war. Letztere ist nicht mehr erhalten. An den beiden Bügelenden sind auch einzelne halbmondförmige Punzen zu beobachten. Die eiserne Querachse endete ursprünglich beidseits in profilierten konischen Knöpfen, wovon einer erhalten blieb. Diese zeigen die Verwandtschaft zu den spätrömischen so genannten Zwiebelknopffibeln an.

Die exakte Ausführung der Zierelemente, die sogar noch die Rillen des Drillbohrers für die Kreisaugen erkennen lässt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Dekor nicht direkt am dafür viel zu harten Buntmetall, sondern in der wohl aus Wachs gefertigten Patritze angebracht wurde, die als Vorlage für die Gussform diente. Die präzise Abformung im Bronzeguss spricht für einen sehr erfahrenen Handwerker und eine Gussform aus erster Hand. Es handelt sich also keinesfalls um eine ‹billige› Kopie wie in vergleichbaren Fällen.»

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Wer sieht die Tierköpfe? Augen und Ohren sind gut zu erkennen, die übrigen Elemente sind recht frei umgesetzt.

«Vergleiche legen nahe, dass das beliebte Kreisaugenmuster edlere Vorlagen mit eingelegten Glasrundeln imitiert. Fibeln, deren Dekor besonders sorgfältig ausgearbeitet ist, zeigen jeweils an den Bügelenden einen stilisierten Tierkopf. Dies ist auch beim Muttenzer Fund der Fall. Der obere ist ziemlich deutlich: Man erkennt die Ohren, die Augen, und je nachdem, wie viel man vom geraden oberen Ende der Fibel hinzunimmt, bekommt das Tier eine lange, pferdeähnliche Schnauze. Vom Tierkopf am unteren Bügelende sind Ohren und Augen klar, der Rest löst sich in eine nicht mehr ganz verständliche Anordnung von mandel- und halbmondförmiger Punzzier auf. Stilistisch datiert die Fibel ins spätere 4. oder frühere 5. Jahrhundert.

Stützarmfibeln sind in unserer Region völlig fremd. Ihre Hauptverbreitung liegt im Nordseeküstenbereich zwischen Niederrhein und unterer Elbe, einem Gebiet, das in der Spätantike gemäss Überlieferung von Friesen, Sachsen und Angeln besiedelt war. Die Stützarmfibel hat formale Verbindungen zur so genannten Zwiebelknopffibel der spätrömischen Amts- und Militärtracht. Den Vorbildern entsprechend wurden zumindest die schweren Exemplare dieses Typs von Männern an der rechten Schulter getragen, wo sie dem Verschluss eines Mantels oder Umhangs dienten. Wie bei den römischen Vorbildern ist das  Qualitätsspektrum recht gross. Namentlich Fibeln aus Edelmetall, aber auch sorgfältig verzierte wie das Fundstück aus Muttenz, dürften zur Ausrüstung hochrangiger germanischer Krieger in römischen Söldnerdiensten gehört haben.»

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Portrait wohl des Heermeisters Stilicho auf dem Diptychon von Monza (Italien, um 395 n. Chr.). Sein Mantel ist mit einer Zwiebelknopffibel verschlossen.

«Die Fibel lag gut 800 Meter südöstlich des spätrömischen Wachturms im Sternenfeld bei Birsfelden, etwa 1,4 Kilometer nordwestlich desjenigen im Muttenzer Hardwald und rund 250 Meter nördlich der mutmasslichen Überlandstrasse, die das antike Basilia mit dem Castrum Rauracense bei Augst verband. Ohne Zweifel gehört sie in den Kontext der Grenzverteidigung des spätrömischen Reiches, das auf stationären Truppen in den befestigten Plätzen und beweglichen Heeresteilen basierte, die je nach Situation über Hunderte von Kilometern verschoben wurden. Der iberische Scheibenknebel und die neu entdeckte Stützarmfibel nördlicher Herkunft aus dem Hardwald sind eindrückliche Zeugnisse hierfür. Lediglich zwei Fibeln dieses Fundabteilung Typs sind bisher noch weiter südlich bekannt: Ein unverziertes  Exemplar in Vindonissa (Windisch, Kt. Aargau) und ein edles, mit blauen Glaseinlagen verziertes in Aquileia im italienischen Friaul.»

Aus dem Jahresbericht Archäologie Basel 2023, Muttenz, Hardwald – römisches Silber wirft Fragen auf, S. 124-127: Bericht: Reto Marti, Muttenz, Hardwald – ein zweiter exotischer Fund aus der Spätantike</p>