600-jähriges Holzhaus in Muttenz entdeckt

Aus dem Jahresbericht 2018 Archäologie Baselland

siehe auch Ehemalige Bauernhäuser:
Hauptstrasse 25
Hauptstrasse 23

Hauptstrasse 25. Historische Aufnahme des Bauernhauses, das links an die Liegenschaft 23 anlehnt
Hauptstrasse 25. Historische Aufnahme des Bauernhauses, das links an die Liegenschaft 23 anlehnt
Foto: R. Auer-Bielser, E. Bielser

Muttenz war in den letzten Jahren verschiedentlich Ziel bauarchäologischer Forschung. In den Häusern im Ortskern hat sich bemerkenswert viel alte Bausubstanz erhalten. Einige Gebäude datieren in ihrem Kern sogar noch ins späte Mittelalter.
Das 2016 an der Burggasse 8 entdeckte Haus, dessen Bauhölzer 1417/18 geschlagen wurden und das bis in den First noch über weite Teile erhalten war, markiert den bisherigen Höhepunkt (Burggasse 8: das älteste Haus im Baselbiet).

Während es sich beim Gebäude an der Burggasse um ein kleines, im Grundriss lediglich 6 × 6,7 Meter messendes Häuschen handelte, das wohl einer Familie zu Wohn- und Gewerbezwecken diente, so liegt diesmal ein ‹ausgewachsenes› Bauernhaus vor. Den ältesten nachgewiesenen Gebäudeteil der Liegenschaft bildet das Haus an der Hauptstrasse 23, ein mittelalterlicher Steinbau, der vor 1471 datiert. Er war nicht in die Bauuntersuchung einbezogen, seine ursprüngliche Nutzung ist unbekannt.

Die Liegenschaft Hauptstrasse 25 wurde nach zwei Bränden, die sämtliche älteren Holzteile vernichtet haben, nördlich daran angebaut. Sie war als Mittertennhaus in Hochgerüstbauweise konzipiert, das heisst die Tenne lag zwischen Wohntrakt und Stall. Die für den Bau benötigten Hölzer aus Eiche sind frühestens 1471 bis 1473 geschlagen worden.

Bedingt durch seinen beachtlichen Grundriss von 12 auf 18 Metern war das Gebäude wesentlich aufwendiger konstruiert als dasjenige an der Burggasse. Der bereits vorhandene und nun integrierte Steinbau der Hauptstrasse 23 diente bis ins
Obergeschoss als Konstruktionsbasis und Auflager der Rähme. Das Hochgerüst ist in vier Längs- und drei Querachsen unterteilt. Die Wände wurden mit raumhohen Staken armiert und mit Lehm ausgefacht. Elemente am Hochgerüst zeigen, dass die Dachkonstruktion den älteren Kernbau mit einer zusätzlichen vierten Querachse mitüberdeckt hatte. Es ist unklar, ob das wohl mit Stroh bedeckte Dach giebelseitig mit oder ohne Walme ausgeführt war.

Von der Hochständerkonstruktion sind bis heute drei Binderachsen (1471/72) und die Deckenbalken der Stube (1472/73) gut erhalten und einsehbar Die Konstruktionsteile wurden in die  Baumassnahmen von 2018 integriert und bleiben
so erhalten.

Die dunklen Hölzer der südlichsten Bundebene sind teilweise bis zum First erhalten. Auch die Lattung des Daches von 1471/73 ist ablesbar.

Die dunklen Hölzer der südlichsten Bundebene sind teilweise bis zum First erhalten. Auch die Lattung des Daches von 1471/73 ist ablesbar.
Bild Archäologie Baselland

1487 wurde innerhalb des neu erstellten Holzbaus ein Durchgang in den steinernen Kernbau der Liegenschaft 23 geschaffen, dessen Erdgeschoss über einem gemauerten Keller deutlich höher liegt als das aktuelle Strassenniveau. Das Obergeschoss des Wohnteils der Nr. 25 wurde frühestens 1511 mit einer Bohlenständerwand in der Firstachse unterteilt. Die im rückwärtigen Erdgeschoss liegende Küche war gegen den Dachraum hin offen, denn die Bohlenständerwand ist auf der ihr zugewandten Seite stark verrusst. Eine später mehrfach umgebaute, von der Küche aus bedienbare Ofennische zeigt, dass der angrenzende strassenseitige Raum im Parterre als Stube genutzt wurde. Den nun abgetrennten, darüberliegenden Raum betrat man direkt vom Flur aus über eine Stiege.

Hervorragend erhaltene Holzbohlen-Binnenwand im ersten Obergeschoss, errichtet 1511–1515. Blick nach Osten gegen die Strasse.

Hervorragend erhaltene Holzbohlen-Binnenwand im ersten Obergeschoss, errichtet 1511–1515. Blick nach Osten gegen die Strasse.
Bild Archäologie Baselland

Weitere Umbauten folgten: Nachdem bereits 1511–1515 im Erdgeschoss Lehmwände durch Steinmauern ersetzt worden waren, folgte wohl 1577 die ‹Versteinerung› des Obergeschosses, verbunden mit einer Erneuerung der Dachbalken
über dem Wohnteil. 1640 wurde im Erdgeschoss zwischen Flur und Küche eine neue Bohlenwand eingebaut und 1679 eine neue Decke mit Balken aus Nadelholz eingezogen. Spätestens jetzt erhielt auch die zum Dachraum offene Küche eine Decke. Vermutlich um 1700 wurde das Gebäude in zwei Liegenschaften aufgeteilt: in das Haus Hauptstrasse 23, das auf den mittelalterlichen Steinbau zurückgeht, und das Haus Nummer 25. Ersteres nutzte man fortan als reinen Wohnbau, letzteres – bis vor kurzem – als Bauernhaus, das man 1718 mit einem liegenden Dachstuhl aus Nadelholz neu überdachte.

Eine Ausgrabung im Bereich des Wohnteils erbrachte Hinweise auf Siedlungstätigkeit in der jüngeren Eisenzeit. Reste eines frühmittelalterlichen Grubenhauses sind nach den wenigen Funden zu schliessen ungefähr ins 9. Jahrhundert zu datieren.
Die erhofften Spuren zur Siedlungstätigkeit vor 1471/73 hingegen blieben aus. Sie sind bei den Baumassnahmen des 15. Jahrhunderts komplett abgetragen worden.

Innenansicht der südlichen, an die Mauer der Liegenschaft 23 anlehnenden Bundebene.

Innenansicht der südlichen, an die Mauer der Liegenschaft 23 anlehnenden Bundebene.
Grafik Archäologie Baselland

Die Neuentdeckungen der letzten Jahre aus Muttenz sind für das Verständnis des Bauwesens in der Landschaft Basel ausserordentlich wichtig. Die ältesten Gebäude beziehungsweise Gebäudeteile, die man in der Region normalerweise noch antrifft, stammen aus dem 16. Jahrhundert. Damals führten die günstigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen zu einem eigentlichen Bauboom während dem man zahlreiche Gebäude von Grund auf neu und nun teilweise in Stein errichtete. Nun zeigt sich, dass die Grundstruktur des Muttenzer Gebäudes von 1471/73 die bekannten Formen des 16. Jahrhunderts bereits vorwegnimmt. Damit ist es erstmals in der Nordwestschweiz geglückt, sich ein konkretes Bild vom Aussehen eines regionalen spätmittelalterlichen Bauernhauses zu machen. Die Kenntnislücke zu den nur aus Bodenbefunden bekannten Hausgrundrissen des Früh- und Hochmittelalters wird dadurch kleiner.

Reste einer mehrfach umgebauten Ofenanlage, die in die Wandnische eines spätmittelalterlichen Kachelofens (Pfeil) eingreift.

Reste einer mehrfach umgebauten Ofenanlage, die in die Wandnische eines spätmittelalterlichen Kachelofens (Pfeil) eingreift.
Bild Archäologie Baselland

Wir danken den Eigentümern Elsbeth und Max Frei-Graf sowie der Architektin Katrin Müller für ihr grosses Verständnis, das sie dem während der Bauarbeiten überraschend ans Licht gekommenen Befund in ihrem Haus entgegenbrachten. Dank
ihrem Entgegenkommen bleiben wichtige Teile der spätmittelalterlichen Gebäudekonstruktion der Nachwelt erhalten. Die Gemeinde Muttenz, die zum zweiten Mal innert kurzer Zeit mit gut erhaltener spätmittelalterlicher Bausubstanz überrascht wurde, will nun ein Planungsinstrument in Form eines vertieften Inventars schaffen, um dieses wertvolle Kulturerbe in Zukunft besser in die Planung einbinden zu können.

Bericht: Reto Marti und Claudia Spiess
Dendrochronologie: Raymond Kontic, Basel
April bis Juli 2018

Die dreidimensionale Darstellung verdeutlicht die Konstruktionsweise des spätmittelalterlichen Bauernhauses. Ausserdem zeigt sie eindrücklich, wie viel vom ursprünglichen Gebäude noch erhalten oder zumindest zuverlässig rekonstruierbar ist
Grafik Archäologie Baselland, Entwurf Lukas Richner

 

 

 

 

 

600-jähriges Holzhaus in Muttenz entdeckt

Aus einer Medienmitteilung der Archäologie Baselland vom 2.12.2016

Die Archäologie Baselland ist bei der Untersuchung eines unscheinbaren Häuschens an der Burggasse in Muttenz auf eine kleine Sensation gestossen: Sein gut erhaltener Kern datiert ins Jahr 1418 und ist damit das älteste noch aufrecht stehende Wohnhaus im Kanton Basel-Landschaft. Es schliesst die Lücke zwischen Hausbefunden, die nur noch als Fundamente im Boden überliefert sind, und den ältesten erhaltenen Steinbauten des 16. Jahrhunderts. Das Gebäude soll nun sorgfältig restauriert und unter Schutz gestellt werden.

Das Haus an der Burggasse (Bildmitte). Das Nachbargebäude ist konstruktiv mit ihm verbunden, archäologisch jedoch nicht untersucht (Bild Archäologie Baselland).

Lokale Bautechnik und importiertes Holz

Das kleine, sechs auf sieben Meter messende Haus war ursprünglich ein zweigeschossiger Fachwerkbau. Wie die Jahrringanalyse zeigt, wurde das Holz dafür im Winter 1417/18 geschlagen, mit dem Bau folglich im Frühjahr 1418 begonnen. Damit ist das Gebäude nach heutigem Kenntnisstand der älteste noch erhaltene, nichtadlige Profanbau der Basler Landschaft. Seine Wände bestanden aus Lehmflechtwerk. Das einräumige Erdgeschoss besass in halber Tiefe eine Feuerstelle. Das über eine Innentreppe erreichbare Obergeschoss war mit einer Ständerwand unterteilt. Die Konstruktion mit zwei Hochständern oder ‹Hochstüden›, die vom Erdgeschoss bis zum Dach respektive von der Grundschwelle bis unter den First durchlaufen, ist die Urform unserer Fachwerkhäuser und ein Zeugnis mittelalterlicher Bautradition. Neben Eiche kam an der Burggasse die in den lokalen Wäldern wachsende Vogelkirsche zum Einsatz. Mehrere Bauhölzer zeigen Merkmale eines Wassertransports. Dieses so genannte ‹Flösserholz› wirft Fragen auf zur regionalen Versorgung mit Baumaterialien im späten Mittelalter.

Ein Zeitfenster ins späte Mittelalter

Das Gebäude steht mit seinem Giebel zur Burggasse, jenem mittelalterlichen Strassenzug, der vom Kirchplatz den Hügel hinauf zu den drei Wartenberg-Burgen führte. Auf einer Skizze des Geometers Georg Friedrich Meyer aus der Zeit um 1680 sind entlang dieser Strasse mehrere auffällig schmale, giebelständige Gebäude vermerkt. Noch ist unklar, ob die Bauform etwa mit einem spezifischen Gewerbe zusammenhing, das vorwiegend in dieser alten Gasse angesiedelt war. Vielleicht widerspiegelt sie aber auch schlicht die Bauweise des späten Mittelalters und ist hier bis zu Meyers Zeiten erhalten geblieben, während die Hauptstrasse und das Oberdorf sich weiter entwickelt und verändert haben.

In der Skizze von G. F. Meyer sind an der Burggasse mehrere auffällig schmale, giebelständige Gebäude eingezeichnet
Bild Staatsarchiv Baselland

Die heutige Gestalt erhielt das Gebäude um 1603, als man die hölzerne Konstruktion von 1418 mit einer Mauer ummantelte. Die tragenden Balken wurden aber stehen gelassen. Sie bilden bis heute die Raumstrukturen, die Decken und das Dachgeschoss. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Bau nach hinten auf die heutige Länge erweitert.

Forschungslücke wird kleiner

Die gute Erhaltung des Bauwerks erlaubt einen einmaligen Einblick in die bescheidenen Wohn- und Arbeitsverhältnisse vor 600 Jahren. Für die archäologische Forschung wird damit die Kenntnislücke zwischen den bisher lediglich durch Ausgrabungen erfassten ländlichen Hausbefunden des Mittelalters und den ältesten noch stehenden Steingebäuden des Baselbiets aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts deutlich verringert.

Kantonaler Denkmalschutz

Die herausragende kulturgeschichtliche Bedeutung hat die Denkmal- und Heimatschutzkommission dazu bewogen, für dieses unscheinbare Häuschen mit Zustimmung des Eigentümers dem Regierungsrat den kantonalen Schutz zu beantragen und es so für zukünftige Generationen zu erhalten. Momentan entwickeln Eigentümer, Architekt und Denkmalpflege zusammen ein Sanierungs- und Umbaukonzept.

Anmerkung: Am 21.8.2018 hat der Regierungsrat beschossen, dass Wohnhaus von 1418 ins Inventar geschützter Kulturdenkmäler aufzunehmen. (s. Jahresbericht 2018 Denkmalpflege)

 

Aufriss, Konstruktionsskizze. Südliche Giebelfassade mit bauzeitlichem Lehmflechtwerk. Der Mörtelputz und das Fenster sind jüngere Zutaten aus der Zeit vor 1652.
Der Mörtelboden in der Wohnkammer des Obergeschosses, mit Lehmunterbau auf den Deckenbrettern von 1418 liegend (und jüngerer Balkenunterlage). Die Stube im Erdgeschoss. In der Bildmitte ein 1602/03 eingemauerter Wandständer von 1417/18.
Das Dach wird abgedeckt und mit einer Folie wintersicher gemacht. Blick auf die 600-jährige, mit Lehm verkleidete und russgeschwärzte Giebelflechtwand, Innenansicht mit Rauchabzug.

Alle Bilder und Legendentexte aus Jahresbericht 2016 Archäologie Baselland


Im Zwischenboden des Obergeschosses wurde dieser kleine Lederschuh (um 1800) gefunden. Es kamen aber auch viele kleine Alltagsgegenstände unterschiedlichster Zeiten zutage.
Mehr Auf wackligen Beinen – Ein Kinderschuh des 19. Jahrhunderts aus Muttenz, Archäologe Baselland

Bild Archäologie Baselland

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