Am 22. August wird im Oberdorf das Rad der Zeit zurückgedreht - nicht allzu viel, nur um knappe hundert Jahre. Es geht zurück in die Zeit, in der Muttenz noch mehrheitlich Kleinbauernhäuser mit vorgelagerten Miststöcken hatte und man vom Oberdorf bis zum heutigen Kreisel auch am Sonntag mit wenigen Schritten im Zickzack von Wirtschaft zu Wirtschaft den Durst löschen konnte. Damals, als der Laden um die Ecke noch schlicht „Handlung“ hiess und neben Lebensmitteln, Näh- und Waschutensilien bis zum Rattengift, Werkzeug und Petroleum alles in einem kleinen Verkaufsraum gelagert war; als Schule und Gemeindeverwaltung im gleichen zweistöckigen Haus Platz hatten und der Dorfbach gerade erst zugedeckt worden war - also etwa in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts. Der Anlass für diesen Zeitsprung ist der 25. Geburtstag des Bauernhausmuseums im Oberdorf 4.

In den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren herrschte durch die rundherum wachsende Industrie auch in Muttenz Aufbruchstimmung: Die meisten Kleinbauern waren daran, ihr Vieh zu verkaufen und den Miststock zu einem Vorgärtchen oder gar Parkplatz umzuwandeln. Glücklicherweise erkannten einige Entscheidungsträger früh genug, dass sich das Dorf immer mehr von seinem ursprünglichen Erscheinungsbild entfernen würde, wenn man nicht sofort etwas dagegen unternahm. Dank des früheren Bauverwalters Max Thalmann und einer vorausschauenden Ortsbildkommission konnten die nötigen Zonen- und Baureglemente geschaffen werden, die es ermöglichten, die historischen Gebäude im Dorfkern äusserlich zu erhalten, ohne den Fortschritt in ihrem Innern zu behindern. Stall, Scheune, hoher Estrich und kleinteiliger Wohntrakt wandelten sich in moderne Büros, Läden und komfortable Wohnungen. Die Wirtschaft zum Bären mit dem grossen Festsaal und das Gemeindehaus aus den 1940er-Jahren wurden abgebrochen und durch den modernen Mittenza-Komplex der Architekten Rolf Keller und Fritz Schwarz ersetzt. Dieser Gebäudekomplex galt während einiger Jahrzehnte als Paradebeispiel für ein harmonisches Miteinander von traditionellen und modernen Stilelementen. In dieser Zeit wurde auch der Grundstein für die Muttenzer Museen und ihre heutigen, umfangreichen Sammlungen gesetzt.

Die ehemals bäuerliche Nutzung der alten Häuser kann darum auch heute noch im Oberdorf 4 - eben im Bauernhausmuseum - besichtigt werden. Damit es am Jubiläumstag dann auch im Umfeld dieses Hauses etwas „historischer“ zugeht, wird rundherum ein Markt ausgerichtet. Hier werden die verschiedensten Handwerker alte Arbeitstechniken vorführen und zeittypische Produkte feilbieten. Verfolgen kann man beispielsweise die Arbeit eines Käsers, der vor Ort aus frischer Milch einen Käse zubereiten und sicher auch entsprechende „Versuecherli“ anbieten wird. Unter anderem werden auf traditionelle Art Reisbesen gebunden, Lederriemen für Kuhglocken bestickt und der Dorfschuhmacher wird sein Können ebenfalls zur Schau stellen. Weitere Stationen werden dem für Muttenz typischen Weinbau gewidmet sein.

Im „Oberdorf-Kino“, dem Museum gegenüber gelegen, werden historische Filme vorgeführt, die wichtige Ereignisse aus der neueren Geschichte unseres Dorfes festhalten. Selbstverständlich werden im Bauernhausmuseum auch Führungen angeboten und die ganze Arbeitsgruppe Museen nimmt gerne stellvertretend für ihre „Gründerväter“ die Glückwünsche bei einem öffentlichen Apéro entgegen.

Die benachbarten Gaststätten Schlüssel und Wartenberg werden ihr Angebot der Zeitstellung anpassen und den Gästen eher einfache, traditionelle Gerichte offerieren. Um genügend Verpflegungsplätze anbieten zu können, werden die Gartenwirtschaften sogar ins Oberdorf hinein erweitert. Ebenfalls unterwegs sind noch ein Drehorgelmann und die eine oder andere „Strassenkapelle“.

Auf jeden Fall soll es ein Anlass werden, bei welchem Jung und Alt nicht nur lehrreiche, sondern auch kurzweilige Stunden verleben können. Schauen Sie am Samstag 22. August, von 10 bis 18 Uhr bei uns vorbei und feiern Sie mit. Sie sind herzlich willkommen!

Das Oberdorf in den frühen 1920er Jahren
Das Oberdorf in den frühen 1920er Jahren. Der Dorfbach (links) ist noch offen und die Häuser sind über kleine Brücken zugänglich.