Machen wir uns einmal bewusst, was zum selbstverständlichen Lebensstandard in unserer heutigen Zeit gehört: Die Haushaltungen sind mit elektrischem Licht, Zentralheizung, Kühlschrank und Tiefkühler, mit Mikrowelle, Waschmaschine und Staubsauger ausgerüstet. Handy, Internet, TV und Radio eröffnen überall eine weltweite Information und Kommunikation. Ferienreisen in einst unerreichbare Länder, Kino- oder Konzertbesuche stehen ebenso auf dem Programm wie das Einkaufen in grossen Einkaufszentren, in denen man nicht nur alles Notwendige, sondern auch alles Überflüssige erstehen kann. Die tägliche Ernährung wird nicht mehr von der Jahreszeit bestimmt, sie ist nur noch eine Frage der Auswahl aus dem riesigen, weltweiten Angebot.

Am Thema „Freizeit“ lässt sich der stattgefundene Wandel besonders gut aufzeigen. Heute haben die meisten Arbeitnehmer/innen eine 5-Tage-Woche mit 40-45 Arbeitsstunden und mindestens 4-5 Wochen Ferien pro Jahr. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten Fabrikarbeiter keine Ferien, eine 6-Tage-Woche und weitaus längere Tagesarbeitszeiten. In der Landwirtschaft richtete sich die Arbeitszeit ausschliesslich nach der Jahreszeit und nach den Bedürfnissen der Tiere. Garten- und Feldarbeit war zudem abhängig von der Witterung. Die Kartoffelernte konnte erst beginnen, wenn die Kartoffeln reif waren. Das Heuen musste vor dem nächsten Regenguss beendet werden. Es wurde solange gearbeitet, wie es im Moment nötig war und das Tageslicht es zuliess. War es dann im Winter draussen zu finster und kalt, wurden Vorbereitungs- und Flickarbeiten im Hause verrichtet. Freizeit im heutigen Sinn war damals für den allergrössten Teil der Bevölkerung unbekannt.

Auch die meisten Kinder waren in die Arbeitswelt eingespannt. Nach der Schule mussten sie daheim im Haushalt, in der Werkstatt und in der Landwirtschaft helfen. Sie mussten Botengänge erledigen und auf jüngere Geschwister aufpassen. Da war kaum Zeit zum Spielen. Spielsachen, die heute ganze Etagen von Kaufhäusern füllen, gab es nur in beschränkter Auswahl zu kaufen. Für Kleinbauern- oder Arbeiterfamilien waren diese unerschwinglich. Die meisten Spielsachen wurden damals von Eltern, Onkeln und Tanten selber gefertigt und zwar mit Materialien, die man im und ums Haus zur Verfügung hatte.

Eine Hausfrau war einen grossen Teil ihrer Zeit damit beschäftigt, für ihre Familie Nahrung im Garten anzubauen, sie zu ernten und haltbar zu machen. Da gab es keine Tiefkühlpizza, die man in den Ofen stecken konnte und keine Pommes aus dem Schnellimbiss um die Ecke. Kleidung musste meistens selber genäht und gestrickt werden. Schadhafte Stellen wurden solange ausgebessert und geflickt, wie es das Material zuliess. Shops mit pflegeleichten, trendy Kleidern gab es keine - nur Nadeln, Faden, Stoff und Wolle. Kinderkleider wurden aus abgelegten Kleidern von Erwachsenen genäht und meist innerhalb der Familie solange weitergereicht, bis sie sich fast auflösten. Das Wissen um die notwendigen Handarbeiten wurde den Mädchen schon in frühen Jahren daheim und in der Schule beigebracht.

Die um den Zweiten Weltkrieg Geborenen haben die geschilderten Lebensverhältnisse noch so miterlebt. Den heutigen Schülern und auch schon deren Eltern-Generation sind diese gänzlich unbekannt und kaum mehr vorstellbar. Umso wichtiger ist es aufzuzeigen, dass das heute Selbstverständliche etwas in jüngster Zeit Gewordenes ist. Noch leben viele Menschen unter uns, die berichten könnten über diese verschwundenen Lebens- und Arbeitsverhältnisse und ihre Kindheit. Es ist wichtig, möglichst viele persönliche Erinnerungen festzuhalten und nicht verloren gehen zu lassen, Erinnerungen an ganz alltägliche Verrichtungen, Freuden, Leiden und Ängste.

Vermutlich ist der heutigen „Spass- und Wegwerfgesellschaft“ nicht bewusst, was sie durch ihren Lebensstil alles an Wissen um Überlebenstechniken verliert. Nur wenige Generationen nach uns wird die Vergangenheit wieder interessant und erforschenswert sein. Dann werden aber die hierzu nötigen Informationen bis auf wenige aktenkundige Fakten fehlen. Darum sammelt die Arbeitsgruppe Museen nicht nur Fotos und Gebrauchsobjekte, sondern vor allem die dazu gehörenden Alltagsgeschichten. Und Sie, liebe Leser und Leserinnen, sind unsere persönlichste und direkteste Verbindung in diese Vergangenheit.

Barbara Rebmann