Barbara Rebmann

Im letzten Adventsfenster im Bauernhausmuseum stand in der Fensterecke ein moderner Ordner mit der Bezeichnung «Wundertruckli». Obwohl er optisch nicht zu den übrigen historischen Objekten gepasst hat, ist er sehr wertvoll für die Museumsarbeit. Darin sind nämlich unzählige Geschichten abgeheftet, in welchen der kürzlich verstorbene Autor viel Interessantes und Amüsantes aus allen Lebensbereichen seiner Kinder- und Jugendzeit zu erzählen wusste. Als Kostprobe aus ähnlichen Kindheitserinnerungen kam im Februar-Beitrag der Museen eine «Reportage» aus den 1930er Jahren über die damalige Dorffasnacht in Muttenz und ein Monat später dann ein Erlebnisbericht über den Osterhasen aus der gleichen Zeit. Beides waren Ausschnitte aus Geschichten und Alltagsschilderungen aus der Zeit vor und um den 2. Weltkrieg.

Verschiedene Lebensgeschichten sind bereits als Muttenzer Schrift erschienen, erhältlich sind sie im Online-Shop auf der Gemeindewebseite oder im Ortsmuseum. Aber fast noch wichtiger als diese Lebensgeschichten von «Promis» wie Pfarrer oder Industrielle, sind für die Museumsarbeit Erinnerungen «gewöhnlicher» Menschen, die hier im Dorf aufgewachsen sind und deren Familien das tägliche Funktionieren der Gesellschaft gewährleisteten, also systemrelevant waren. Dazu gehörten beispielsweise «Wöschfraue, Gletterine, Strossewüscher, Verchäuferine, Metzger, Bäcker, Taglöhner, Buurelüt» und viele mehr - ihre Geschichten interessieren uns speziell. Egal zu welchem Thema, egal von welcher Person oder aus welchem Lebensabschnitt solche Geschichten stammen, sie helfen uns das soziale Leben in vergangenen Zeiten zu verstehen.

Ganz im Gegensatz zu heute, wo alles sofort in den sozialen Medien präsentiert und anschliessend quasi aus der ganzen Welt kommentiert oder «gelikt» wird, wurde das Alltägliche früher kaum niedergeschrieben, ja nicht einmal weitererzählt. Niemand hatte damals das Gefühl, die eigenen alltäglichen Taten interessierten die ganze Welt. Oft passierten natürlich auch Geschehnisse, die den Leuten eher etwas peinlich waren und so etwas trug man damals möglichst nicht an die Öffentlichkeit. Dies ebenfalls im Gegensatz zu heute, wo man mit missglückten Aktionen immer noch in den 100 peinlichsten Videoclips am Fernsehen glänzen kann.

Nicht nur die Lebensweise der Jugendlichen und Erwachsenen, sondern auch das Leben und die Freizeit der Schulkinder hat sich extrem verändert. Früher war der Schulweg ein einziger Abenteuerspielplatz und man konnte ohne Handyüberwachung ganze Nachmittage im Wald oder in anderen Wohnquartieren unterwegs sein. Es machte sich keine Mutter grosse Sorgen, denn der Hunger trieb alle zum Essen wieder heim. Zerrissene Kleider, aufgeschürfte Knie und Ellbogen oder bei besonders Wagemutigen gar ein Loch im Kopf, waren fast etwas Alltägliches - auch wenn dann die Folgen daheim nicht sehr erfreulich waren. Meistens gab es zu den körperlichen Schmerzen nämlich noch zusätzlich eine Strafpredigt oder gar eine härtere Strafe. Man konnte damit leben und wusste genau, dass man ja eigentlich selber daran schuld war. Wer nämlich irgendwo raufkletterte nahm in Kauf, da dann auch runterfallen zu können und ziemlich hart zu landen. Ein weiterer Gegensatz zu heute wo die Schuld dann immer bei denen gesucht wird, die den Spielplatz zu wenig abgesichert haben.

Bestimmt gibt es überall noch so Erinnerungen, die uns die damalige Lebensweise und die Reaktionen von Erziehungsberechtigten aufzeigen. Denn nicht nur die Lebensart hat sich in den letzten Jahrzehnten extrem verändert, nein auch die allgemeine Einstellung zum Leben, zur Arbeit und zu den Mitmenschen. Um diese vergangene Lebensweise nicht nur mit Objekten für die Nachwelt illustrieren zu können, wünscht sich die Arbeitsgruppe Museen, dass uns weitere solche Erinnerungen überlassen werden. Speziell von der Mädchen- und Frauenseite haben wir noch nicht viele Geschichten bekommen. Darum liebe Urgrosseltern und Grosseltern, schreibt eure Jugenderinnerungen auf oder lasst eure Kinder und Enkel eine Video- oder Tonaufnahme machen und schickt diese den Museen zu (museen@muttenz.bl.ch). Wir sind gespannt!

Beide Museen sind am Sonntag, 27. Juni wieder geöffnet. Das Bauernhausmuseum mit «Bäsebeiz» und Brotverkauf ab 10 Uhr und das Ortsmuseum ab 14 Uhr. In den Sommerferien wird das Bauernhausmuseum mit allem «Drum und Dran» am 25. Juli ebenfalls öffnen, das Ortsmuseum hingegen bleibt geschlossen. Bitte beachten Sie jeweils die geltenden Hygiene- und Abstandsregeln.
 

Erinnerungen an die Katastrophenereignis am Wartenberg im April 1952
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