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Karl Jauslin Selbstbildnis

Bilder: Museen Muttenz

Kein anderer Künstler hat die bildliche Vorstellung von der Schweizer Geschichte für die nachfolgenden Generationen so stark geprägt wie der Muttenzer Karl Jauslin mit seinen «Bildern aus der Schweizergeschichte».

Die im Auftrag des Basler Verlegers Emil Birkhäuser geschaffenen «Bilder aus der Schweizergeschichte» erschienen zwischen 1897 und 1900 in drei Auflagen als einzelne Bilderbogen in prächtigen Mappen. Die dritte erweiterte Auflage umfasste 110 Bogen. Nach Jauslins Tod wurde die Bilderfolge nochmals 1908 und 1928 in Buchform herausgegeben. Die dargestellten Szenen umfassen den Zeitraum von den Höhlenbewohnern bis zum Übertritt der Bourbaki-Armee auf Schweizer Boden im Jahre 1871. Zu jedem Bild gehört ein knapper erläuternder Text, verfasst von Rudolf Hotz. An vielen Schulen dienten Jauslins Bilderbogen als Wandbilder für den Geschichtsunterricht, selbst in der welschen Schweiz, denn Bildtitel und Texte waren auch in französischer Sprache abgefasst. Mit Jauslins Bildern konnten die Lehrer den Schülern und Schülerinnen einen anschaulichen Gang durch die Jahrhunderte vermitteln. Dass die Serie auch Szenen der Geschichtsmythologie enthielt, wie z.B. die Tellsgeschichte oder den Opfertod Winkelrieds, störte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wohl kaum jemanden. Auch sie hatten ihren Platz im Geschichtsunterricht.

Waren Jauslins «Bilder aus der Schweizergeschichte» einst in Schulen und in wohlhabenden Familien verbreitet, so sind heute dieses Werk und dessen Schöpfer weitgehend in Vergessenheit geraten. Wer war nun dieser Zeichner und Maler, der zu Lebzeiten als vielseitiger Illustrator weit herum bekannt und geschätzt war?

Herkunft, Lehr- und Wanderjahre

Karl Jauslin wurde 1842 in Muttenz als ältestes von vier Kindern geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und genoss eine nur mangelhafte Schulbildung. Nach dem frühen Tod seines Vaters musste er mit allerlei Gelegenheitsarbeit dazu beitragen, den Lebensunterhalt die zurückgebliebene Familie zu verdienen. Als Jauslin in der Schappespinnerei in Arlesheim arbeitete, erkannte dessen Besitzer Jules Achilles Alioth das künstlerische Talent seines Arbeiters und ermöglichte dem 18-Jährigen, in Basel eine Lehre als Dekorationsmaler anzutreten. Fast ein Jahrzehnt lang arbeitete Jauslin in der Werkstatt seines Lehrmeisters Bernhard Thommen.

Der Auftrag, für die Zeitschrift «Über Land und Meer» Ereignisse aus dem Deutsch-Französischen Krieg zu illustrieren, führte Jauslin 1870 nach Stuttgart. Dort blieb er vier Jahre lang, besuchte Kurse an der Königlichen Kunstschule und schlug sich mehr schlecht als recht mit allerlei Illustrationsaufträgen durch. Anschliessend verbrachte er anderthalb Jahre in Wien, wo er in Museen die Werke grosser Meister studierte und sich in Bibliotheken ein breites kulturhistorisches Wissen erwarb.

Illustrierte Festumzüge

Im Jahre 1876 kehrte Karl Jauslin in die Schweiz zurück. Der Berner Verleger Rudolf Buri hatte ihm den Auftrag vermittelt, den Festumzug zum 400-jährigen Jubiläum der Schlacht bei Murten zu zeichnen. Fortan lebte der Künstler bis zu seinem Tode in seiner Heimatgemeinde Muttenz. Dort führte er ein zurückgezogenes, äusserlich kaum bewegtes Leben. Selbst ledig geblieben, sorgte er für seine Mutter und zwei seiner ebenfalls ledigen Schwestern.

Die Darstellung des Murtener Festumzugs bildete den Auftakt zu weiteren Aufträgen im Zusammenhang mit dem blühenden Festwesen. Dieses stand ganz im Zeichen des neu erwachten gemeineidgenössischen Bewusstseins. Besonders nach der Gründung des Bundesstaates von 1848 sollten die grossen patriotischen Feste die nationale Integration stärken. Historisch bedeutsame Daten gaben den Anlass zu lokalen, regionalen und eidgenössischen Festen. Im Mittelpunkt der patriotischen Veranstaltungen stand zumeist ein historischer Festumzug.

Zur Erinnerung an diese mit grossem Aufwand gestalteten Umzüge erschienen zumeist gedruckte Festumzüge in Form eines Leporellos von vielen Metern Länge. Diese mussten vom Illustrator bereits vor dem Ereignis gezeichnet werden, was eine enge Zusammenarbeit mit den Organisatoren bedingte. Ausserdem erforderte diese Aufgabe ein breites kulturhistorisches Wissen. Jauslin eignete sich dieses Wissen mit Hilfe der zu seiner Zeit zahlreich edierten illustrierten Nachschlagewerke an.

Ein Jahr nach der Murtener Schlachtfeier erschien ein grossformatiges prächtiges Album mit Farblithografien, auf welchen jede Umzugsgruppe einzeln dargestellt war. Die Vorlagen zu diesen Lithografien hatte Karl Jauslin zusammen mit Gustave Roux geschaffen. Mit den Arbeiten zum Murtener Jubiläum begann Jauslins Karriere als Festzugszeichner. Es folgten Aufträge für Bern (1882), Rheinfelden (1885), Schaffhausen (1885), Sempach (1886), Zürich (Sechseläuten 1888, 1891 und 1894) und Basel (mehr als ein Dutzend Fasnachtsumzüge). Grösste Ehre und Anerkennung bedeutete aber der Auftrag, den Festumzug zur Eröffnung des Landesmuseums in Zürich 1898 zu zeichnen, galt dieser Umzug doch als nationale patriotische Manifestation. Als sich Jauslin im Jahre 1904 in Liestal selbst an einem historischen Festumzug beteiligte, erlitt er einen Schlaganfall, an dessen Folgen er wenige Tage später verstarb.

Allerlei Aufträge

Ein weiteres Betätigungsfeld war das Illustrieren von Volkskalendern, Broschüren und Büchern zumeist populärhistorischen Inhalts. Auch entwarf er allerlei Gebrauchsgrafiken und Plakate zu Festanlässen. Für eine Zürcher lithografische Anstalt schuf Jauslin die aquarellierten Vorlagen für Farblithografien, die als patriotischer Wandschmuck gedacht waren, so u.a. eine Serie zur Tellsgeschichte, den schweizerischen Generalstab und den schweizerischen Landsturm. Diese Bilder sollten den auch vom Bundesrat unterstützten Bestrebungen dienen, das Volk durch geeigneten Wandschmuck zu gutem Geschmack und edler Gesinnung zu erziehen.

Das nicht nur vom Umfang her bedeutendste Werk Jauslins waren aber die eingangs beschriebenen «Bilder zur Schweizergeschichte». Zu Recht hiess es im Verlagsprospekt, dass keine andere Nation etwas Vergleichbares besässe. Jauslins zumeist figurenreiche und stets bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Bilder boten dem aufmerksamen Betrachter eine Fülle an Informationen. Die heldenhaften Männer und Frauen erscheinen als hoch gewachsene muskulöse Gestalten. Die idealisierende Charakterisierung der Personen und deren pathetische Gebärdensprache entsprachen dem Geschmack der Zeit. Jauslins Bilder zitieren viele Elemente der älteren Kunst, deren Themen- und Formenschatz er Reproduktionen entnehmen konnte. Doch tragen alle Bilder die unverwechselbare Handschrift ihres Schöpfers.

Historienmalerei als pädagogisches Mittel

Eigentlich hatte Karl Jauslin Historienmaler werden wollen, denn die Verherrlichung der «glorreichen Geschichte » seines Vaterlandes auf grossformatigen Leinwänden galt ihm, wie es der allgemeinen Kunstauffassung damals entsprach, als die edelste Aufgabe der Kunst. Doch mit seinen Gemälden, die allerdings sehr unterschiedlicher Qualität sind, gelangte er nicht an die Öffentlichkeit. Anerkennung und Verdienst fand er ausschliesslich als Illustrator. Als solcher konnte er jedoch viel weiteren Kreisen ein anschauliches Geschichtsbild vermitteln. Karl Jauslin wollte nicht «l’art pour l’art» betreiben, sondern – insbesondere bei der Jugend – Liebe und Einsatzbereitschaft für das Vaterland wecken und stärken. Am künstlerischen Werk Jauslins wird sinnfällig, welch wichtige pädagogische und politische Bedeutung der Geschichtsvermittlung im 19. Jahrhundert zugewiesen wurde. Die neuere Geschichtsschreibung hat jene des 19. Jahrhunderts stark revidiert, doch fehlen ihr die Bilder, um in weiten Kreisen populär zu werden.

Carolina (genannt Lina) Jauslin (1853 – 1948) vermachte den künstlerischen Nachlass ihres Bruders der Gemeinde Muttenz. Die Karl Jauslin-Sammlung befindet sich im Ortsmuseum. Zahlreiche Arbeiten des Künstlers schmücken auch den Karl Jauslin-Saal der Gemeindeverwaltung.

aus: Muttenz zu Beginn des neuen Jahrtausends, 2009, S. 338-341, Hildegard Gantner-Schlee