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Ein Levalloiskern: Spuren des Neandertalers auf der Rütihard bei Muttenz

Aus dem Jahresbericht 2018 Archäologie Baselland, S. 82-85

Muttenz, Rütihard. Das Fundstück aus der mittleren Altsteinzeit in natürlicher Grösse
Bild Archäologie Baselland

Es ist schon seit längerer Zeit bekannt, dass sich während des Mittelpaläolithikums, vor mehr als 35 000 Jahren, Neandertaler auf der Rütihard aufgehalten haben. Wie an vielen anderen Orten hinterliessen sie auch dort Gerätschaften aus Stein, die mit der sogenannten Levalloistechnik hergestellt wurden, benannt nach einer Fundstelle im Departement Hauts-de-Seine. Als Ausgangsmaterial dienten natürliche Rohstücke aus Felsgestein oder Silex, die mit standardisierten Arbeitsabläufen zu Levalloiskernen präpariert wurden. Von diesen trennte man vor allem Abschläge ab, die man anschliessend je nach Gebrauchszweck zu Schabern oder Spitzen formte (vgl. Jahresbericht 2015, S. 21. 105). Die Kerne selber wurden nach dem Abtrennen der Abschläge meistens als Restprodukte weggeworfen. Dass dies aber nicht immer der Fall war, zeigt das hier zu besprechende Exemplar, das die damaligen Menschen sekundär als Schlagstein verwendet haben.

Der Finder Jürg Christ vor der Fundstelle des Levalloiskerns auf der Rütihard.
Bild Archäologie Baselland

Auf dem Geländesporn der Rütihard fanden sich in der Vergangenheit bereits mehrere mit der Levalloistechnik produzierte Abschläge und Werkzeuge, und auch einige der charakteristischen Kerne sind bezeugt. Das hier vorgestellte Stück ist aber besonders auffällig. Entdeckt wurde es von Jürg Christ, der auf der Rütihard im Laufe der Jahre dank seiner fundierten archäologischen Kenntnisse mehr als 700 steinzeitliche Objekte aufgesammelt hatte, die er vor kurzem in dankenswerter Weise der Archäologie Baselland zur weiteren Bearbeitung überliess. Darunter befinden sich ausser dem Levalloiskern vor allem jungpaläolithische und neolithische sowie einige mesolithische Steinartefakte. Seine jungpaläolithischen Funde fliessen derzeit in eine Studie zu dieser Epoche im Kanton Baselland ein.

Oberseite mit eingefärbtem Negativ des Zielabschlags, Seitenansicht und Unterseite mit charakteristischer Kantenpräparation
Bild Archäologie Baselland

Das Besondere an dem von Jürg Christ entdeckten Levalloiskern ist sein Rohmaterial, das bisher in unserer Region nicht nachweisbar war: ein grünlicher Phtanit. Diese metamorph nur leicht überprägte und tektonisch nicht beeinflusste Variante des Kieselschiefers ist in den geologischen Epochen Devon bis Karbon entstanden. Bemerkenswert ist auch seine weit entfernte primäre natürliche Lagerstätte. Sie befindet sich nämlich mindestens 110 Kilometer nördlich der Rütihard im Vallée de la Bruche in den Mittelvogesen. Ein kleiner Rest Geröllrinde zeigt jedoch, dass die Neandertaler das Rohstück nicht an dieser primären Lagerstätte, sondern etwas entfernt davon als Geröll, vermutlich in den linksufrigen Schotterablagerungen des Rheins, aufgesammelt haben.

Karte mit der Fundstelle bei Muttenz und der primären Herkunft des Rohmaterials im Vallée de la Bruche südwestlich von Strassburg
Bild Archäologie Baselland

Weitere natürliche Vorkommen dieses Rohmaterials gibt es einerseits im Kinzigtal im Schwarzwald und andererseits zwischen Badenweiler und Schönau (Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald). Durch ihre stark umgelagerte Einbettung in ein Konglomerat beziehungsweise durch ihre starke tektonische Überprägung sind diese Varianten für die Herstellung von Artefakten jedoch ungeeignet. Sie unterscheiden sich auch durch ihre Struktur deutlich vom Rohmaterial aus der primären
Lagerstätte im Vallée de la Bruche, weshalb eine Herkunft unseres Levalloiskerns aus diesen beiden süddeutschen Vorkommen mit einiger Sicherheit auszuschliessen ist.


Prospektion: Jürg Christ
Bericht: Jürg Sedlmeier, Jehanne Affolter