Wiederentdeckt: ein jungsteinzeitliches Dolmengrab aus Muttenz

von Reto Marti, Archäologie BL

Am Ende des Neolithikums wurde es in gewissen Regionen üblich, dass die Dorfgemeinschaften ihre Verstorbenen in grossen Steinkammern, ‹Dolmengräber› genannt, beisetzten. Die aus zum Teil tonnenschweren Felsplatten zusammengefügten und mit einem Erdhügel überdeckten Grüfte sind sozusagen das steinerne Manifest der in der Jungsteinzeit etablierten Sesshaftigkeit.

Muttenz, Stegacker, Grabung 1946. Von der jungsteinzeitlichen Grabanlage ist nur noch ein Trümmerhaufen von plattigen Steinen übrig. Sie sind wohl der zurückgelassene Rest einer Aktion aus der Römerzeit oder einer jüngeren Epoche, die den grossen Steinplatten galt, die man für die Weiterverwendung vor Ort zerlegte.

Auch in unserer Region gibt es Belege für diese spezielle Art der Beistattung, auch wenn Erosion und Steinraub im Laufe der Zeit dafür gesorgt haben, dass viele dieser auffälligen Grabmäler verschwunden sind. Bekannt sind etwa die  Dolmengräber von Laufen (Flyer), die heute bei der Katharinenkirche unmittelbar vor der Altstadt zu sehen sind. Ein weiteres Exemplar ist in Aesch belegt, eines in Schwörstadt ennet der Landesgrenze und eines in Courgenay im Jura.

Karte: Geoview.bl.ch

Beim Zusammentragen der vielen Fundstellen für die 2009 erschienene Heimatkunde von Muttenz stiess der Schreibende auf einen alten Fundbericht, gemäss dem 1946 bei Kanalisationsarbeiten am Stegacker, nordwestlich des Ortes hart an der Bahnlinie, inmitten eines Haufens kleinerer Steinplatten die Reste mehrerer menschlicher Skelette zum Vorschein gekommen seien.

 

Der Befund wurde von den zuständigen Beamten freigelegt. Nebst stark durchwühlten Knochenresten kamen aber keine weiteren Funde ans Licht, die etwas zur Datierung der Anlage hätten beitragen können. Obwohl keine der typischen grossen Steinplatten vorhanden waren, kam Walter Schmassmann nach einer ersten Sichtung zur Vermutung, es könnte sich bei der 4×7 Meter messenden Anlage um ein Dolmengrab gehandelt haben. Dass dieser Gedanke, den er später revidierte, keineswegs abwegig ist, zeigt mittlerweile ein Fund aus Laufen, der in der Römerzeit systematisch zerlegt worden ist, wohl um Baumaterial für einen in der Nähe befindlichen Gutshof zu gewinnen. Zurück blieb in einem solchen Fall – je nach Steinqualität – nicht mehr als ein Haufen nicht weiter verwertbarer Trümmer.

Auch nach der Freilegung war ausser dem ungefähren Grundriss nicht mehr viel von der ursprünglichen Anlage zu erkennen.

Die Bestätigung, dass es sich in Muttenz effektiv um eine jungsteinzeitliche Grabanlage handelte, lieferten schliesslich fünf Radiokarbon-Daten, die zwischen 3000/2900 und 2700 vor Christus liegen.

Hier beschrieben ist dieser Befund, weil die jungsteinzeitlichen Skelettreste dank der neuen Erkenntnis Eingang in ein von den Universitäten Bern und Tübingen sowie dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena initiiertes Forschungsprojekt gefunden haben, in dem es um die Frage ging, wie sich der Einfluss von Menschengruppen östlicher und südöstlicher Herkunft auf die hier ansässige Bevölkerung ausgewirkt hat.

Gemäss den umfangreichen genetischen Analysen und Bestimmungen stabiler Isotope, die 2020 in der Fachzeitschrift Nature Communications unter der Federführung von Anja Furtwängler veröffentlicht wurden und für viel Aufsehen gesorgt haben, ist um etwa 2800 vor Christus mit dem Auftreten der so genannten Schnurkeramischen Kultur in der Schweiz mit einem Zuzug von Menschen zu rechnen, die ihren Ursprung in der pontischkaspischen Steppe im heutigen Russland haben. Neben Bevölkerungsgruppen, die sich mit diesen Zuwanderern vermischten, gab es im untersuchten Gebiet auch ‹standhafte› Gesellschaften, die noch über Jahrhunderte keine Verbindungen zu diesen Hirtenvölkern aus der Steppe aufweisen.

Von den Skeletten waren nur noch Reste erhalten, die erst 2001 über Umwege in die Sammlung der Archäologie Baselland gelangt sind.

Die Skelette aus den beiden mituntersuchten Baselbieter Dolmen Muttenz und Aesch – letzterer etwa zeitgleich, aber über einen etwas längeren Zeitraum genutzt – besitzen einen Genpool, der sich aus alteingesessenen Wildbeutern und schon im Auswertung und Vermittlung frühen Neolithikum eingewanderten Bauern aus dem westlichen Anatolien (Türkei) zusammensetzt. Die Steppenleute aus dem heutigen Russland hingegen haben in der Region offenbar einen weniger nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Bericht: Reto Marti