aus den Erinnerungen von Johannes Iselin (1875-1945)

Trambahn Basel - Muttenz

Seit längerer Zeit begehrte ein grosser Teil der Einwohnerschaft von Muttenz eine Tramverbindung mit der Stadt Basel, da die Zahl und Lage der Lokalzüge der Bundesbahn den Bedürfnissen nicht mehr genügten und weil den Muttenzern durch die entfernte Lage der Bahnstation vom Dorfe die Benützung der Eisenbahn sowieso unbequem war. Die Elektrizitätsgesellschaft Alioth & Cie in Münchenstein hatte sich mit dem Gedanken getragen eine Trambahn Basel-Muttenz zu erstellen und eine Betriebsgesellschaft zu gründen. Ärgerlicherweise scheiterte das Vorhaben an Basel, das die Linienführung auf seinem Gebiet via St. Jakobstrasse nicht zulassen wollte, angeblich weil diese Strasse bis zum Wolfbahnhof erst frisch mit einer kostspieligen Neupflästerung versehen worden war. Auf eine andere Linienführung wollte sich Alioth & Cie. nicht einlassen, weshalb sie von dem Projekte zurücktraten. Auf Anregung von Landrat Ramstein zum Rebstock, der sich in Muttenz am meisten um das Zustandekommen der Trambahn bemühte, taten sich in Muttenz einige Männer zusammen: Gemeindepräsident Jb. Eglin, Vizepräsident Fr. Schorr, Landrat Ramstein, Landrat Christen (ehemaliger Regierungsrat, jetzt ein hochbetagter Greis) vom Schänzli, A. Brüderlin- Bornhauser und meine Wenigkeit. Wir waren zwar auch der Meinung, Basel sollte die direkte Linienführung vom Aeschenplatz via St. Jakobstrasse zulassen und eine Trambahn, deren spätere Weiterführung nach Liestal gewiss war und die darum eine möglichst direkte Linienführung nötig hätte, nicht spiessbürgerlich auf Umwege verweisen, Allein man spürte, dass in Basel, wenn vorläufig auch nicht offen, der feste Wille vorhanden war, die Bahn via Hardstrasse zu verweisen, um damit den guten Steuerkräften im St. Albanquartier die Iängst begehrte Tramverbindung zu geben. war es Alioth & Cie., so folgerten wir, die in Basel Einfluss haben, nicht gelungen, gegen dieses Vorhaben aufzukommen, so wird das uns noch viel weniger gelingen. Muttenz selber war es ja vor alIen Dingen darum zu tun, dass es überhaupt eine Tramverbindung mit Basel bekam, wobei die Linienführung in der Stadt und die Frage, wer den Bau und Betrieb derselben übernahm, bloss von sekundärer Bedeutung waren. Wir beschlossen daher eine Eingabe, die ich am 27. März 1906 verfasste, an den Vorsteher des Finanzdepartements, Regierungsrat Burckhardt, dem die Strassenbahnen unterstanden, in dem Sinne, Basel solle Hand zur Erstellung einer Trambahn Basel-Muttenz bieten, welche von Basel aus ihren Ausgang in St. Jakob nähme und deren Bau und Betrieb auf der ganzen Strecke, eventuell gegen gewisse Garantien von Seiten der Gemeinde Muttenz, vom Kanton Baselland übernommen würden. Regierungsrat Dr. Hans Burckhardt nahm die Eingabe mit Wohlwollen auf, aber es zeigte sich bald, dass sie das gewünschte Resultat nicht zeitigen werde. Als Gegner traten die Einwohnerschaft von Liestal und der basellandschaftliche Regierungsrat auf, die massgebenden Kreise Basellands und seiner Hauptstadt waren dagegen, Baselstadt die Konzession für die Linie Basel- Muttenz zu erteilen, da sie die sofortige Ausdehnung der Linie bis nach Liestal begehrten und dabei ein von der Basler Strassenbahn getrenntes, selbständiges Unternehmen im Auge hatten, das den Grundstock zu einem späteren Basellandschaftlichen Tramnetz bilden sollte. Zudem wollte man in Liestal nicht eine gewöhnliche Trambahn, sondern eine sogenannte Überlandbahn, die sich von der ersteren darin unterscheidet, dass sie grössere und stärkere Wagen und festeren Geleisebau hat und dadurch schnellere und bequemere Fahrt bietet. ln einer mündlichen Besprechung sagte mir Regierungsrat Burckhardt, dass wir den Tram nächstes Jahr schon bekämen, wenn es sich bloss darum handelte, ihn bis Muttenz zu machen. Es war verständlich, dass Basel kein Konzessionsgesuch für die Erweiterung seines Tramnetzes bis Muttenz beim Bundesrat einreichen mochte, so lang die Regierung in Liestal gegen die Erteilung der Konzession war. Bis Liestal wollte Basel einstweilen durchaus nicht bauen, zumal die Rendite des besten Stückes - Basel bis Muttenz - für die ersten Jahre nicht sicher war.

Was Liestal begehrte, fand ich an und für sich ganz mannlich. lch habe schon oft die Beobachtung gemacht, dass es im Baselbiet nicht an ldeen fehlt, grosszügige Geschäfte zu machen, wohl aber gewöhnlich, wie bei dieser Trambahn, erstens am Geld, das Geschäft zu bauen und zweitens an der nötigen Kundschaft, es zu erhalten. wollte man durchaus, trotzdem es nicht nötig und nicht ratsam war, jetzt schon bis Liestal bauen, so neigte ich selber eher der Überlandbahn zu, die ich den gewöhnlichen Tram, mit seinen kleinen, unruhig laufenden Wagen und seiner langen Fahrzeit für wert weniger befähigt hielt, für die Iängeren Strecken ab Pratteln und Liestal den Personenverkehr an sich zu ziehen, das heisst die Bundesbahnen zu konkurrenzieren. ln Muttenz war man geschlossen gegen die Überlandbahn. Da aber niemand vorhanden war der eine Bahn bis Liestal bauen und betreiben wollte, kam die Angelegenheit nicht über die Diskussion hinaus. ln einer späteren Periode zeigte sich die Gesellschaft der Birseckbahn Basel-Arlesheim-Dornach bereit, eine Tramverbindung Basel-Pratteln mit Abzweigung von ihrer Linie in Neuewelt zu erstellen, mit der Versicherung, die Weiterführung bis Liestal zu übernehmen, sobald die genügende Frequenz sich zeigte. Mir schien diese Lösung eine besonders glückliche, weil sie neben der Garantie von Muttenz nach Basel-Aeschenplalz via Neuewelt gleich schnell wie über St. Jakob zu fahren, in Neuewelt eine Verbindung des oberen Baselbiets mit dem Birseck, nämlich mit der Tramlinie nach Arlesheim und derjenigen nach Reinach und Aesch bot. Merkwürdigerweise fand dieses für Baselland ideale Projekt nirgends rechte Unterstützung. ln Basel verhielt man sich ablehnend und in Muttenz war man bestimmt dagegen, weil da neben den wirklichen lnteressen noch die starke Macht der Gewohnheit über St. Jakob wies. ln Liestal blieb man mehrheitlich dabei, sofortigen Bau der Bahn bis Liestal und zwar über St. Jakob zu verlangen. Die Linienführung über St. Jakob wurde auch von Fachexperten empfohlen. Die Oberhand in der Sache behielten die Liestaler und ihr Anhang. Mit ihrem Projekt hielten sie die andern zurück. Die Folge davon ist, dass heute mehr als neun Jahre nach unserer Eingabe an die Basler Regierung noch gar nichts gemacht ist. Der Leidtragende dabei ist die Gemeinde Muttenz. Alle Basel umgebenden Gemeinden haben seit Jahren Tramverbindung mit der Stadt, sogar die ausländischen Gemeinden St. Ludwig, Hüningen und Lörrach, nur Muttenz nicht. Ein wideriges Geschick! Begreiflicherweise gaben seither in Baselland, besonders in Muttenz, die Tramprojekte unheimlich viel und fortwährend zu diskutieren. Wenn man in eine Wirtschaft kam, stiess man stets auf das nicht enden wollende Thema.

Aus: Um die Jahrhundertwende, Erinnerungen von Johannes Iselin, 1875-1945, Muttenzer Schriften 2, 1988, S.48-50.