aus "Muttenz - Gesicht einer aufstrebenden Stadtsiedlung", 1968, S. 156-160

von Rolf Walter

In der kleinen dörflichen Gemeinschaft werden die Mitglieder einer Familie selten mit ihren richtigen Vor- oder Geschlechtsnamen bezeichnet. Das Bedürfnis nach weiterer Unterscheidung und die Freude an charakteristischen Bezeichnungen lassen Zunamen entstehen, die dann auf eine ganze Familie übertragen werden. Diese Dorfnamen enthalten fast immer einen Vornamen, eine Ortsbezeichnung, einen Amts- und Berufsnamen oder einen Übernamen.

Muttenz um die Jahrhundertwende weist einen reichen Schatz von solchen Dorfnamen auf.20 Jeder Name weckt eine liebe Erinnerung, und deshalb sollen in diesem Bericht nicht nur die Namen, sondern auch ihre Träger und mit ihnen ein Stück altes Muttenz vorgestellt werden.

Eine alte Muttenzerin, Frau Albertine Meyer-Eglin, hat in launigen Worten einen Spaziergang des Frauenvereins gegen Ende des letzten Jahrhunderts beschrieben.21 Stellen wir uns mit ihr auf das Pfarrbrüggli über dem heute eingedolten Dorfbach und lassen wir einige Muttenzerinnen in ihren langen Schleppröcken und den Knöpflistiefeln an uns vorbeiziehen:

He lueg au do,
si chömme scho:
Die erschti fisch d Frau Zimmerhänsis-Niggi us im Gässli,
si macht au öppe no e Gspässli.
Die bsinnt sich gar nit lang,
dr Zimmerhänsis-Niggi seit, wit mit, so gang.
Er well i d Badstube go luege, öppme bald herbschte chönn,
do sig's besser, wenn er eileinig göng.

Zimmerhänsis-Niggi gehört zur Familie Leupin, von der ein Vorfahre den Zimmermannsberuf ausgeübt hat. Bekannt aus diesem Geschlecht ist besonders dr Zimmerniggi, der das 7. Buch Moses gelesen haben soll. Außerdem erzählt man, er könne die Kühe dazu bringen, rote Milch zu geben.

Und dört dr Wöschhänsi-Hans, was suecht ächt da?
He däm sini chunnt halt au mit.
Am Aluege a isch's ere allwäg hüt nit ums Singe.
He jo,si müess im schiint's dr zwait Fümfliber wider heime bringe...

Der Zuname «Wösch» bezieht sich auf eine ehemalige Wäschestelle im Dorfbach, oberhalb der Kirche. Wahrscheinlich hatte dr Wösch-Schang Jauslin, Vater des Wöschhänsi-Hans) dort eine Aufsichtspflicht zu erfüllen.

s Scheferlis Greti chunnt nie mit,
e sone Spaziergang sait im nüt.
In dr Chriesiärn got äs lieber uf Basel ine z'Märt
mit ere Zaine voll Chirsi uff em Chopf us dr Ifflete oder Freiebärg,
mängmol no zwaimol im Tag.
's nimmt aim Wunder, as es amme no mag.
Aber in dr Spanische uf em Sauplatz, do chehrts derno ii
und stercht sich mit eme Tröpfli süessem Spanierwii.
(Und wenn nid öppe ne Chnächt vos Pfirter Schorschis
oder s Bäre Ruedis per Zuefall wär cho fahre und
s Greti mit em Steiwage mit hai gnoo hätt, i glaub,
's hockti hütt no dört!)

Die so köstlich beschriebene Scheferlis Greti heißt eigentlich Margarete Meyer, und s Scheferlis sind die Schafhirten.

D Hafnerhansene gsehn i fit,
und si füert doch s Kommando hüt.
Mit där Usreed bruucht si 's jetz nit choo,
si haig müesse in Helligacker goo.
Aha, si chunnt im siidige Pellerinli mit Chrälleli und Spitze
und em Gabottehüetli; i will e chlei in d Nöchi sitze.

Auch dieser Dorfname für einen weiteren Zweig des verbreiteten Geschlechts der Leupin weist auf die Tätigkeit eines Vorfahren. Berufsbezeichnungen als Dorfnamen sind überhaupt sehr häufig: Schärer Jokeb (Jakob Stohler) erinnert an einen Stohler, der Mitte des 18. Jahrhunderts den Coiffeurberuf ausübte, und dr Beckeniggi (Niklaus Ramstein) verdankt seinen Dorfnamen einem Bäcker in seiner Familie. Eine Berufsbezeichnung ist wahrscheinlich auch der Dorfname Schinhüetler (Schinhuet = lackierter Strohhut?) für die aus dem Bernbiet eingewanderte Familie Ramstein.

Im Linggenadem Hans si Frau, die chäm jo au,
aber är het no Wälle gchauft im Verbrennte Hau.
Die wärde hüt zum Wald us gnoo;
Si müess hinde und vorne näben im stoh.

Linggenadem, Linggehänsi, Linggehänsis-Fritz, Linggenedi und Linggejoggi hießen eigentlich Leupin. Der Dorfname Lingge war ein Übername für einen Linkshänder.

Übernamen bilden wohl die umfangreichste Gruppe der dörflichen Zunamen. Allerdings werden sie häufig nur für die Personen gebraucht, die sich den Namen durch irgendein auffälliges Gehaben «verdient» haben. Erst wenn auch die übrigen Familienmitglieder und die Nachfahren mit dem Übernamen bezeichnet werden, kann man von Dorfnamen sprechen.

Dr Joseppe-Sämi sait, mer wai luege,
är fahr jetz no in d Lachegruebe,
är sig bezitte wider do,
es läng ihre drno scho no.
Jä, dr Joseppe-Sämi het hüt nit frei,
är muess bis zum Badische Bahnhof fahre mit de Stei.
Und z'Obe mit em leere Wage,
goot är mängmol no in d Lache hindere go lade.

Dr Joseppe-Sämi aus der Familie Brüderlin war einer der Fuhrleute, die gegen kargen Lohn aus der Lachen- oder Sulzgrube Steine zum Bau des Badischen Bahnhofes oder der Pauluskirche führten. Im Namen Joseppe ist der Vorname eines Vorfahren zum Dorfnamen einer ganzen Familie geworden.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Dorfnamen, die auf Vornamen zurückgehen: Dr Gallimathis (Mathias Pfirter) war der Nachkomme eines Gallus Pfirter, der 1571 das Amt eines Kirchmeiers bekleidete und der an der großen Glocke der Dorfkirche inschriftlich erwähnt ist. s Dursenfranzen-Jokeb (Jakob Eglin), dr Luxejoggeli (Jakob Hauser), dr Kaschperschang (Johann Seiler) und dr Steffeheiris-Niggi (Niklaus Pfirter) hatten Vorfahren mit den Vornamen Urs, Lukas, Kaspar und Stephan. Der Dorf­name Musse der Familie Seiler (s Mussehansis Madle) erinnert an einen oder auch mehrere Seiler, die im 16. Jahrhundert Hieronymus hießen.

Im Bäreniggis-Hans si Frau, die chunt nit mit;
si haige scho e Rais gmacht uf Bärn oder Luzärn, ämel wit.
Zwaimol imJohr e Schwizerrais, das mache die riichschte Puure nit.
Hüt welle si in d Chilchmett use go Rogge säje,
und d Frau müess mit go s Anthaupt mäje.

Ein Vorfahre der Familie Niklaus Brüderlin besaß das ehemalige Wirtshaus zum Bären, das unterhalb des Gasthauses zum Rößli stand. Ortsbezeichnungen als Dorfnamen findet man etwa noch in Talweberschang (J. Jauslin), Zunzgerliadams Amerei (Anna Maria Scholer), Zürilieni (Leonhard Schmid) und in Güntimänni (Emanuel Glinz aus Güntershausen im Badischen).

D Muttenzerchrucke in der vordersten Reihe tragend und ein Marschlied singend, so ziehen sie die Dorfstraße hinab: s Heubirligrittli, d Steffeheirene, d Schärejokebne, s Scheferlisgreti, s Talweberadams-Saleme, d Hafnerhansene, d Luxe-Jogglene, s Güntianni, s Forschterlienis-Valleri, d Kaschperjoggene, s Zürilienis-Marie, s Mussehänsis-Madle und wie sie alle heißen.

Heute kennen nur noch die alten Muttenzer diese köstlichen Dorfnamen. Wohl entstehen auch jetzt Übernamen, die aber in keinem Falle die Vor-und Geschlechtsnamen ersetzen und die nur in Abwesenheit der Benannten gebraucht werden. Zum Schluß eine kleine Blütenlese dieser oft recht derben und boshaften persönlichen Zunamen: dr Kaffi-Creme, s Zechebeti, dr Plätte, d Banane, dr Stumpenoski, dr Güggeliheiri, dr Lardon, dr Rugel, dr Würmli-Tokter, s Tschudi-Es.