Muttenzer Anzeiger 1988:
«95 Jahre hat unsere heutige Jubilarin, Frau Flora Leupin-Vogt (geb. 18.8.1893) in Muttenz gelebt. Sie ist ihrem Dorf nie untreu geworden. (…). Nach ihrer Schulzeit wurde die junge Flora Vogt zur Schneiderin ausgebildet. Bald schon hatte sie eine feste Kundschaft. Zwei bis drei Tage, manchmal auch noch nachts, arbeitete sie an den bestellten Kleidern, für welche sie je nach Ausstattung zwischen 25.- und 30.- Franken erhielt.»


Die Kleider wurden von Hand genäht. Der Beruf der Schneiderin war stets gefragt. Die Muttenzerin Emma Rebmann 1902.

Der Beruf der Schneiderin war besonders beliebt, weil ihn auch verheiratete Frauen ausüben konnten. Er galt seit Ende des 19. Jahrhunderts als der Frauenberuf schlechthin. Früher war es für jede Frau selbstverständlich gewesen, die Kleider selber herzustellen.43 Man pflanzte Flachs, spann, webte und nähte seine Tracht in eigener Regie. Bis etwa 1840 kaufte man sich einzig Hut und Schuhe. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an bevorzugte man Kleider, wie man sie in der Stadt kennen gelernt hatte, kaufte sich die Stoffe und nähte sich ein Kleid oder liess es sich von der Schneiderin nähen. Die Trachten verschwanden. Am längsten stellte man noch eigenes Bettzeug und Handtücher her. 


Marie Schweizer-Lavater in einer selbst entworfenen und handgenähten Bluse.

Die Muttenzerin Marie Schweizer-Lavater (1885 – 1965) wagte es mit etwa 22 Jahren, zusammen mit ihrer Schwester Elise in Muttenz ein eigenes Weissnäherei-Geschäft zu eröffnen. Bald führte sie es alleine weiter, hatte mehrere Angestellte und bildete während vieler Jahre auch Lehrtöchter aus. Die hergestellten Artikel, Unterwäsche oder zarte Nachthemden, waren aus Seide oder Batist, von Hand genäht und mit vielen Fältchen, Rüschen und Spitzen versehen. Davon konnten die Muttenzer Frauen nur träumen. An diesen kostbaren Stücken fanden die Frauen der bessern Gesellschaft in Basel und im angrenzenden Ausland Gefallen. Regelmässig wurden die Wäschekollektionen von Marie Schweizer-Lavater an Messen ausgestellt und mehrere Male gar in höchsten Gesellschaftskreisen vorgeführt. Dies ist beispielsweise durch ein Dankesschreiben der griechischen Prinzessin Vera Ypsilanti aus dem Jahr 1919 belegt.

aus: Muttenz zu Beginn des neuen Jahrtausends, 2009, S. 282-283, Autorin: Dr.h.c. Helen Liebendörfer