Kleine Geschichte der Unterwäsche

Über dieses etwas heikle Thema wird in früheren Zeiten wenig bis gar nichts berichtet. Lange wurden von den Frauen unter dem Kleid nur ein Ober- und Unterhemd getragen – aber darunter in der Regel nichts. Deshalb war man auch stets darauf bedacht, die Beine stets bedeckt zu halten, schon die Knöchel zu zeigen war verwerflich.

Mit der Aufklärung (18. Jh.) forderten einige fortschrittlich denkende Personen, vor allem Ärzte, dass man dieses praktische Kleidungsstück anziehen sollte, denn die Leibwäsche wäre leichter zu waschen. Doch noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts galt die Unterhose als ungewöhnliches Bekleidungsstück, sie wurde als nicht notwendig empfunden, denn das lange Hemd ersetzte sie.

Auch die einfache männliche Bevölkerung trug noch um 1800 meist keine Unterwäsche, höchstens die Oberschicht. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte sich das Tragen einer Unterhose langsam durch. Es war wohl der Industrie zu verdanken, denn mit der Erfindung der Baumwoll-Entkernungsmaschine (1793) kam billigere Baumwolle auf den Markt. Vorher hätte der Kauf einer Unterhose einen Tageslohn verschlungen. Baumwolle war leichter zu reinigen als Wolle oder Leinen und für Unterwäsche hervorragend geeignet. Allerdings war sie auch von kürzerer Lebensdauer als Leinen. Doch die billigere Baumwolle half nun dabei, dass sich auch einfache Leute Unterwäsche leisten konnten.

Mehrere Cholera-Epidemien im 19. Jahrhundert führten dazu, dass man der Hygiene mehr Beachtung schenkte. Die Ärzte empfahlen auch, den Körper warm zu halten. Allerdings war die Verbreitung der Kleiderläuse wiederum dafür verantwortlich, dass dadurch das Fleckfieber begünstigt wurde. Nur wenn man die Unterwäsche häufiger wechselte, wurde man vom Ungeziefer verschont.

Ab 1840 bürgerte sich die Unterhose immer mehr ein, zuerst in der Oberschicht, dann in bürgerlichen Kreisen und schliesslich trug um 1900 jede Frau eine Unterhose. Bei der ländlichen Bevölkerung, wo man die traditionelle Tracht trug, dauerte es noch etwas länger.

Quelle: Manfred Vasold: Hunger, Rauchen, Ungeziefer, Stuttgart 2016

Offene Unterhose für Frauen um 1900 (Spaledoor-Hose) Offene Unterhose für Frauen um 1900 (Spaledoor-Hose) Wollene Unterhose für Mädchen um 1905 Wollene Unterhose für Frauen, 1905 geflickte und weiterverwendete Unterhose für Frauen
       
Gestrickte Unterhose für Knaben 1. Häfte 20. Jh.        

Alle Bilder Museen Muttenz CC BY-SA 4.0

Es wird allgemein angenommen, dass man bis Anfang des 19. Jahrhunderts keine Unterhosen trug, weil man keine schriftliche Nachricht und auch keine Bilder darüber findet. Man hat sich früher wenig mit diesem „anzüglichen“ Thema beschäftigt. Der Arzt Gottfried Wilhelm Becker jedoch klagte 1803 darüber, dass die Frauen keine Unterhosen tragen wollten: „Wie manche wollüstige Regung würde vermieden werden, wenn die nackten Schenkel nicht so über einander geschlagen werden dürften … Wie oft setzt nicht das Kriechen einer Wespe, einer Maus, einer Katze unter die Röcke ein Mädchen in die beschämendste aller Verlegenheiten?“

Nach 1840 wurde die Unterhose schliesslich für eine Dame Pflicht, aber die unteren Schichten gingen weiterhin „unten ohne“. Diese Frauen blieben bei einem langen Hemd, einem Unterrock und Überrock. Erst langsam setzte sich die Sache mit der Unterhose durch, bis sie schliesslich um 1900 bei allen Frauen verbreitet war. Exemplare von Muttenz aus jener Zeit befinden sich heute im Ortsmuseum. Damals war die weibliche Unterhose weit geschnitten wie eine Pluderhose. Sie war aus Leinen oder gestrickt aus Baumwolle und im Schritt offen. Sie wurde bei uns „Spaledoor-Hoose“ genannt.

Rund um die Kleider um 1900

Um 1905 vor dem Wirtshaus Rössli. Für die Aufnahme haben sich alle etwas «herausgeputzt».

 

Kein Ausgang ohne Hut: Schwarzer Frauenhut aus Stroh, flache, runde Hutform mit mässig breiter, gerader Krempe. Schwarzes Repsband mit Masche und  sechs Papierblumen, (schwarz, weiss). 1920

Unterschiedliche Kleidung für Sonntag und Werktag:

Sonntag Werktag
Sonntagsschürze, „Fürduech“, braune Halbschürze oder Zierschürze. Die abgerundete Schürzenform ist mit einer 13 cm breiten Volantrüsche umrahmt. Einfache Schürze für den Alltag, um 1910
Sonntags: Schultertuch/ sog. Mailändertuch, Ende 19. Jh. „Lyyseli“, Schultertuch gehäkelt um 1900
Weisser Unterrock mit Rüschensaum, an den Trägern und am Saum feine Maschinenspitze,1910 Einfacher Hänger-Unterrock mit viereckigem Ausschnitt und einer schmalen Industrietüllspitzenborte. Breite Träger. Schwarz, um 1920
Sonntags: Untertaille, „Gstältli“, Anfang 20. Jh., Träger und Ausschnitt mit Klöppelspitzeneinsatz. Abnäher vorn spitz zulaufend, Bändel um taillennah zu binden. Einfaches „Gstältli“, Unterhemd mit breiten Trägern für winterliche Temperaturen. Verschluss mit 7 Porzellanknöpfen, verziert mit 6 roten Nähstreifen. Sehr einfache, eher grobe Näharbeit. 1920
Sonntags: Spaledoor-Hose aus feiner Baumwolle, Anfang 20. Jh. Im Schritt offene Frauenunterhose, blauweiss gestreift. Mit Baumwollband zum Zubinden. Anfang 20. Jh.
Für den Sonntag: Weisse Strümpfe über Kniehöhe glattgestrickt. Baumwolle, Anfang 20. Jh. „Chnüsogge“, Kniestrümpfe, lila/schwarz gestreift mit Fersenverstärkung. Baumwolle. Anfang 20. Jh.