Schülerinnen und Schüler des Gymnasium Muttenz befragten im Rahmen der Sonderwoche 2012 Menschen unterschiedlicher Herkunft, seien es Einheimische oder Zugezogene, die in Muttenz leben, zu ihrem Heimatsbegriff. Vor allem interessierten Leute, die es aus ganz anderen Weltgegenden nach Muttenz verschlagen hat.

Daraus wurden kurze Texte/Geschichten erstellt.

 

„Da wo du bist, da wo du bleibst, wirke, was du kannst, sei tätig und gefällig und laß dir die Gegenwart heiter sein.“ Anneliese Leiser zitiert aus Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Sie ist 86 Jahre alt, in Deutschland geboren und nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz ausgewandert. Sie wohnt heute im Altersheim „Zum Park“ in Muttenz.

Bevor das Interview losgeht, hat sie uns schon durchschaut: Wir haben noch nie ein Interview geführt. Sie erklärt uns, wie ein Interview geführt wird, und schnell wird klar, dass wir es hier mit einer aussergewöhnlichen Frau zu tun haben. Eine intelligente Frau, die bis in ihr jetziges Alter mit der Zeit geht und einiges zu erzählen hat. Sie hört gerne Musik mit ihrem Laptop. Die Wände ihres Zimmers sind mit Fotos ihrer Familie verziert. Ihre Familie stattet ihr wöchentlich einen Besuch ab.

 

 
Von Haus zu Haus
Nach den schrecklichen Ereignissen in ihrem Heimatland Deutschland suchten sie und ihre Familie in der Schweiz einen Neubeginn. Ihr Vater fand in der ETH Zürich eine Stelle als Dozent. Sie studierte und wurde Psychotherapeutin. Sie lernte ihren Mann kennen, der in der chemischen Industrie tätig war. Daraufhin zog sie zu ihm nach Basel und kurze Zeit später siedelten sie sich in Muttenz an. In ihrem Haus richtete sie sich eine eigene Praxis ein. Ihre drei Kinder wuchsen in der Nähe des heutigen Altersheims auf, das zu dieser Zeit noch eine Grube war. Ihre Kinder spielten oft in dieser Grube und vergruben darin ihre Schätze. Bald stand an dieser Stelle das fertige Altersheim. Ihr Mann verstarb und ihren Beruf als Psychotherapeutin, der ihr einiges an Konzentration und Aufmerksamkeit abverlangte, musste sie altershalber aufgeben. Das Haus wurde ihr trotz der Grosskinder, die sie hütete, unangenehm. Zu viele Erinnerungen an ihren Mann und ihren Beruf verband sie mit diesem Haus, und da ihre Kräfte immer mehr nachliessen, wurde ihr der Alltag zu anstrengend. Daraufhin entschied sie sich, ins Altersheim umzuziehen, wo sie nun seit elf Jahren lebt.

 

  Lernen und Erleben, Loslassen und Vergessen
Wenn wir Frau Leiser zuhören, gewinnen wir den Eindruck, dass sie viele Heimaten hatte. Damals in ihrer Kindheit in Deutschland, dann in Zürich, Basel und die letzten 60 Jahre hier in Muttenz. Aus der Grube, in der einst ihre Kinder spielten, entstand ihr neues Zuhause. Ihr Zimmer, die Beleuchtung, der Park draussen und die Jahreszeiten sorgen für Vertrautheit. Die Mitbewohner und ihre Familie, die sie oft besucht, machen es ihr hier angenehm.
Es sind nicht nur der Ort und die Menschen, die das Heim zu ihrer Heimat machen, sondern auch ihre Hobbys. Sie liest sehr gerne Bücher und Zeitschriften, und die Musik, die sie hört, erinnert sie an die Vergangenheit. Sie spielte früher Klavier und ihre drei Kinder spielten auch ein Instrument. Doch einiges musste sie leider auch aufgeben. Früher ging sie gerne spazieren, war Hobby-Fotografin, und ihren Beruf vermisst sie auch. Es sind Bruchstücke ihrer Heimat, die sie zurücklassen muss.

Das was uns Frau Leiser über das Leben sagt, macht uns nachdenklich. Sie sagt, dass für uns junge Leute Lernen und Erleben wichtig sind. Im Alter gewinnen Loslassen und Vergessen immer mehr an Bedeutung. Als sie einmal auf dem Friedhof war, erinnerte sie sich an einen verstorbenen Mitbewohner. Sein Tod lag zwar nur ein Jahr zurück, aber trotzdem hatte sie ihn beinahe vergessen. Das stimmt sie über sich und ihren eigenen Tod nachdenklich. Sie fragt sich, ob sie auch so schnell vergessen wird.

Die kindlichen Bedürfnisse Sicherheit und Geborgenheit verflüchtigen sich mit dem Alter. Frau Leiser kommt heute in der Ungeborgenheit zurecht und will das Leben so lange geniessen, wie es ihr noch möglich ist. Das Altersheim wird demnächst abgerissen und das neue Gebäude wird in vier Jahren stehen. Sie freut sich darauf und hofft dies noch mitzuerleben. Am Ende des Interviews machen wir noch ein paar Fotos. Sie gibt uns vor, wie wir sie fotografieren sollen. Dies verstärkt noch einmal unseren anfänglichen Eindruck von ihr: eine starke, selbstbewusste und selbstständige Frau.

Stefan Jakovljevic, Rohat Barihas

Der Artikel von Severin Rigassi und Nicole Schild wurd am 17.01.2015 auf Wunsch des Interviewten entfernt.

Jacqueline Hohmann-Weibel ist Heilpädagogin, Lothar Hohmann Schauspieler; beide sind knapp 50 Jahre alt.
Spannend an Jacquelines Vergangenheit ist, dass sie in Muttenz geboren ist, aber mit fünf Jahren nach Birsfelden gezogen ist. Muttenz blieb aber während ihrer ganzen Kindheit präsent. Ausflüge, Einkäufe, Schwimmtraining und auch der Besuch des Gymnasiums fanden in Muttenz statt. Jacqueline erzählt, viele Muttenzer betrachteten Birsfelden als „niederstehende Gemeinde“. Das habe sie seit dem Gymnasium zu spüren bekommen. Wer aus Birsfelden komme, werde belächelt.
 

Als jemand, die in Birsfelden aufgewachsen ist, spricht sie auch heute noch kein „richtiges Baselbieterdeutsch“. Ihr Mann, der in Deutschland aufgewachsen ist, schmunzelt über dieses regionale Dialekttheater.

Lothar Hohmann kommt 1963 in Freiburg im Br. zur Welt und wächst in einer ländlichen Gegend zwischen Freiburg und Basel auf. Für seine Schauspielausbildung zieht er 1994 nach Basel und arbeitet in Bern, Deutschland und Österreich. Fünf Jahre lang führen die beiden eine Fernbeziehung. Als sie davon genug haben, suchen sie gemeinsam ein Haus. Dazu müssen sie entscheiden, wo sie sich zusammen eine Existenz aufbauen können. Lothar als Schauspieler ist weniger auf einen Arbeitsort festgelegt, während Jacqueline nicht ständig den Arbeitsort wechseln kann. Die Wahl fällt auf die Region Basel. Und tatsächlich finden sie ein Haus in Muttenz. So ist Jacqueline wieder bei ihren Wurzeln angekommen.

  Jacqueline ist es wichtig, dass sie sich hier immer stärker verwurzeln kann. Anfangs findet das vor allem über ihre beiden Kinder statt: Noemi ist heute achtzehn und Karim zehn Jahre alt. Von Anfang an hat die Familie das grosszügige Muttenzer Angebot an Tagesfamilien und Freizeitmöglichkeiten (Bibliothek, Ludothek, Sport) intensiv genutzt. Inzwischen haben sie viele Freunde und Freundinnen, hauptsächlich in ihrem Wohnquartier, etwas ausserhalb vom Dorfkern.

 

Lothar erlebt die Nähe zu Muttenz etwas anders als seine Frau: Es sei sehr schön in Muttenz zu leben, besonders neben dem besten Weinbauern des Ortes. Doch seine Wurzeln seien eher in Deutschland zu finden, speziell in der Stadt Freiburg. Während zehn Jahren leitete Lothar verschiedene Theaterprojekte in Muttenz. Damit engagiert er sich auch in und für die Gemeinde. Jacqueline arbeitet als Heilpädagogin im Gründenschulhaus. Beide fühlen sich hier akzeptiert und integriert. Am Anfang hätten sie sich von den eingeschworenen Muttenzern etwas belächelt gefühlt. „Entweder bist du eine Muttenzerin oder du bist keine“, so Jacqueline. Trotz ihres Wohlfühlens sehen sie auch die schwierigeren Seiten. Beispielsweise sei die Bürgergemeinde ein wenig elitär. Für manche Zuzüger sei es schwierig heimisch zu werden, gerade weil Muttenz seine Wurzeln durch Sprache und Kultur sehr pflege. Wie schon beim Thema Dialekt wundert sich Lothar ein bisschen. In Birsfelden aufgewachsen, Schweizerin und trotzdem werden solche Unterschiede gemacht?  


Als Heilpädagogin hat Jacqueline oft mit Leuten zu tun, welche kaum eine Chance haben, in die Gemeinde integriert zu werden.

Die Frage, ob Lothar in der Schweiz abstimmen dürfe, verneint dieser. „Ob es ihn stört?“, fragen wir. „Manchmal, eher in kleineren Dingen, bei Schulabstimmungen, Dingen, die die Kinder betreffen, da stört es mich“. Politisch störe es ihn nicht, und doch: “Jetzt kommt der klassische Satz: Ich zahle Steuern, aber abstimmen darf ich überhaupt nicht! Ich habe eine Familie hier, zwei Kinder, eine Frau und ein Haus, wohne hier, lebe hier und habe Ausländer Ausweis C, nach wie vor. Und musste ihn vor kurzem erneuern.“ - „Stört das dein Heimatsgefühl?“ Nach einer langen Denkpause antwortet Lothar, dass es sein Heimatsgefühl schon ein bisschen störe. Politisch orientiert er sich darum eher an Deutschland und nimmt dort an Wahlen teil.

Ist Heimat an einen Ort gebunden?
Für Jacqueline ist Heimat mit Erinnerungen, auch Gerüchen und Geräuschen, aus ihrer Kindheit verbunden, zum Beispiel mit den Einkäufen in der Migros Muttenz. Vor allem auch mit dem Kuhglockengeläute ihrer Kinderferien im Berner Oberland. Nun hört sie die Kuhglocken auch in Muttenz. Ihr Haus und ihre Muttenzer Umgebung stehen Jacqueline sehr nah, doch sie könnte dies auch an einem anderen Ort wieder aufbauen. Heimat ist für sie also „transportierbar“.

Für Lothar sind auch Städte Heimatorte, in denen er beim ersten Besuch besonders positive Erfahrungen gemacht hat, mit Leuten vertraut ist, Freunde hat und weiss, wo er welche Hilfe finden kann. Ein Gefühl, das etwas Vertrautes, Altbekanntes, Wohlbefinden, Geborgenheit auslöst, ist für ihn Heimat. Gemäss dem Spruch, den er auf einer Zuckertüte gelesen hat: „Heimat ist überall, wo meine Koffer stehen.“

Sarah Däppen und Yannick Hürbin

Mit zehnminütiger Verspätung tritt Hasan Arisan, der Onkel von Zeynep, durch die Eingangstüre des „Café & More“. Hasan ist eine grosse, sehr kräftige Person, die man problemlos als Türsteher einstellen könnte. Er wirkt gelassen und grüsst seine Kunden mit einem kleinen Spass. Ich bin überrascht, dass er der Onkel von Zeynep sein soll. Zeynep Arisan sieht nämlich älter aus als neunzehn und Hasan hat nur acht Jahre mehr auf dem Buckel. Man könnte meinen, sie seien Geschwister. Die kurdische Familie Arisan ist vor den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Türkei geflohen.  
So kommt Hasan im Alter von zehn Jahren über Deutschland in die Schweiz. Er lernt die Sprache und lebt sich immer mehr ein. Zwölf Jahre später lässt der ausgebildete Kaufmann sich sogar einbürgern. Er erzählt begeistert und stolz von seiner Militärzeit 2008/2009 in der er viel gelernt habe: „Das Militär ist ein Muss für einen Mann“, sagt er, der seine Dienstpflicht als Buchhalter absolviert hat.

Hasan ist eine Person, die gerne und gut führt. Disziplin und Respekt sind ihm wichtig: „Ich respektiere jeden, solange er mich respektiert.“ Hasan erzählt von einem Vorfall mit einem militärischen Vorgesetzten, als er beinahe seine Beherrschung verloren hätte, weil dieser ihn aufgrund seiner Herkunft beleidigt hatte. Beide Seiten wurden gebüsst, was Hasan zu schätzen wusste. „Mit anderen Soldaten war es auch nicht immer leicht. Viele waren auf meine Leistungen neidisch und liessen Sprüche fallen wie: Du bist Schweizer, doch wir sind Eidgenossen“. Hasan hätte gerne seine Militärkarriere fortgesetzt, doch seine Eltern waren dagegen. „Wenn dieser Entscheid damals anders gefällt worden wäre, wäre ich wahrscheinlich immer noch mit meiner Kompanie unterwegs“, sagt der kräftige Typ mit einem Hauch Wehmut. Und doch mag er seine jetzige Arbeit, in deren Genuss wir beim wöchentlichen Besuch im „Café & More“ kommen. Allerdings wird Hasan bald eine weitere Ausbildung zum Bauleiter machen.

Nach 27 Jahren voller Erfahrungen in der Schweiz, aber auch in der Türkei gibt Hasan eine spannende Antwort auf die Frage, wo er sich zu Hause fühle, wo seine Heimat sei. „Ich weiss es nicht“, sagt er nachdenklich. Ihm sind die Schweiz und sein Geburtsland Türkei genau gleich wichtig. Er schätzt das Leben in der Schweiz und empfindet es als „verspielter“ als in seinem Dorf. „Ein Pferd mit gebrochenem Bein wird hier in der Schweiz behandelt und gepflegt, bis es wieder fit ist. Die Bauern in meinem Dorf geben dem Pferd gleich einen Kopfschuss, da es sowieso nicht gepflegt würde und es keine Chance hätte.“

Er bereitet liebevoll türkische Gerichte zu aber mag genauso die Schweizer Küche. Seine Leibspeise sind übrigens Älplermakronen.

Er sei gerne hier, aber er vergesse nicht, wo er herkomme. Er wisse noch nicht genau, wo seine Heimat sei, und so kenne er auch kein Heimweh. Seine Familie und auch viele seiner Freunde seien hier, wo er lebe. So auch seine Nichte Zeynep.

Eine Schweizerin mit kurdischen Wurzeln und Vorliebe für Gemüsegratin.

Zeynep Arisan, 19

Während wir auf Hasan warteten, fanden wir in Zeynep Arisan spontan eine Gesprächspartnerin.

Die Neunzehnjährige begrüsst uns in breitem Baslerdeutsch und erklärt sich sofort bereit zu einem Gespräch. Ganz entspannt sitzen wir an einem Tisch und Zeynep erzählt, dass sie kurz vor ihrem Abschluss an der FMS stehe und heute ihren Vertrag für ein Praktikum unterschreiben müsse. Beim Gedanken daran wird sie aufgeregt.

Zeyneps Eltern sind vor rund zwanzig Jahren in die Schweiz gekommen, Zeynep ist hier geboren. Nach ihrem Praktikum im Kindergarten möchte sie unbedingt Sozialpädagogik studieren. Ihre Familie ist sehr stolz auf sie und unterstützt sie auf ihrem Weg. „Ich will die Möglichkeit nutzen“, sagt Zeynep, die wiederum die Familie auch unterstützt indem sie oft nach der Schule im „Café & More“ arbeitet. Dafür hat sie schon etliche Samstage geopfert, da die Familie für sie sehr wichtig ist und sie gerne hilft. Sie weiss, wo das Geld, mit welchem auch ihre Schulbildung finanziert wird, herkommt. Das „Café & More“ ist ein richtiger Familienbetrieb und besteht seit fast zwei Jahren.

Türkisches Essen mag Zeynep nicht allzu sehr, viel lieber ist ihr Gemüsegratin, ihr Lieblingsessen. Bei ihr zu Hause wird schweizerisch und türkisch gekocht. Bei typischem Essen aus der Türkei muss sie oft an ihr Herkunftsland denken.

Doch für Zeynep ist klar: Ihr Zuhause ist hier. Hier ist sie geboren, aufgewachsen und fühlt sich wohl. Fast alle ihre Verwandten wohnen in der Schweiz. Weitere Verwandte in der Türkei werden so oft wie möglich besucht. „In den Ferien nehme ich immer ab. Das dörfliche türkische Essen mit viel Rohkost mag ich nicht“, sagt sie lächelnd. Zeynep geht gerne zurück zu ihren Wurzeln, fühlt sich aber in der Türkei doch ein bisschen fremd. Ihre Heimat ist die Schweiz und das wird sich auch nie ändern.

Cyril & Mauro