Beitragsseiten

Es liegt einige Steinwürfe von Grün 80 und St.-Jakob-Park entfernt und somit inmitten eines der publikumsintensivsten Gebiete der Nordwestschweiz, trotzdem kennt es kaum jemand – das Vogelhölzli. Vor ein paar Tagen ist dieses über 50 Jahre alte Naturschutzgebiet an der Birs nun in den öffentlichen Fokus gerückt, weil Pro Natura Baselland hier Baudirektor Jörg Krähenbühl die Pläne für die Renaturierung eines 600 Meter langen Uferabschnitts übergeben hat (die BaZ berichtete). Krähenbühl war der erste Regierungsrat, der das Vogelhölzli betreten hat. Woher man das so genau weiss? Von Max Spiess.

Tagebücher geführt seit 1963

 


 

Tagebücher

Der 81-jährige Muttenzer weiss alles übers Vogelhölzli. Und das Wenige, das er nicht mehr im Gedächtnis hat, ist in einem der 35 Tagebücher verewigt, die er seit 1963 zusammen mit seinem Compagnon Arnold Meier führt. Weil Meier (97) aber seit ein paar Jahren im Vogelhölzli nicht mehr Hand anlegen kann, managt Spiess das 2,5 Hektaren grosse Kleinod im Auftrag des Tierschutzes beider Basel, der es seit 1933 vom Kanton pachtet, alleine. Das heisst: Für einen Jahreslohn von 700 Franken Wege von umgestürzten Bäumen befreien und vor Verbuschung freihalten, Lichtungen mähen, Zäune reparieren – das Vogelhölzli ist zum Schutz seiner üppigen Natur eingehagt –, Führungen für Schulen und Vereine machen und Vogelkästen instand halten.

Vogelnester gesammelt und angeschrieben

Spiess, von Beruf Maurer, hat gegen 70 Kästen vom Waldkauz- bis zum Meisen-Modell selbst gebaut und aufgehängt. Und natürlich führt er über alles und jedes Buch. So lautet etwa der Eintrag vom 4. April 2009: «Bewölkt, 17 Grad; Tränke putzen; Mönchsgrasmücke: Männchen und Weibchen jagen sich; Weidenlaubsänger singen; Buschwindröschen blühen; Birs bringt Schneewasser.» Und weil Spiess ein sehr guter Naturkenner und Beobachter, aber auch ein gewissenhafter Buchhalter – er hat zum Beispiel jene 1080 Federchen gezählt, mit denen ein Schwanzmeisennest ausgepolstert war – sowie ein trickreicher Fotograf ist, sind die Tagebücher mit ihren ergänzenden Zeichnungen und Bildern eine akribische Chronik von einem halben Jahrhundert Leben und Sterben im Vogelhölzli.

Die Dokumentationen haben auch Krähenbühl beeindruckt, und er empfahl, sie unbedingt in einem trockenen Archiv zu lagern. Noch stehen sie aber dort, wo Spiess’ Lebensmittelpunkt im Vogelhölzli ist – im «Beobachtungsposten». Das ist ein kleiner, bunkerähnlicher Bau, der 1951 von Spiess' Vorgänger erstellt wurde. Der einzige Raum, die knapp vier Quadratmeter grosse Stube mit Tischchen, zwei Bänken und Holzofen, bietet mit seinem grossen Klappfenster Aussicht auf eine Lichtung mit einer Vogeltränke inmitten des kleinen Urwalds.

Und hier kreuzt früher oder später auf, was kreucht und fleucht im Vogelhölzli; dazu gehören Fuchs, Dachs, Marder, Hermelin, jene 24 Vogelarten vom Turmfalken bis zum Rotkehlchen, die heute hier noch brüten, sowie Dutzende weiterer Besucher, darunter Raritäten wie Uhu und Ziegenmelker.


 

Stammgäste
Einstige Stammgäste wie Hase, Nachtigall oder Pirol sind aber spätestens mit dem Bau der nahen H18 verschwunden. Die Autobahn hat das Vogelhölzli vor über 30 Jahren auf einen Drittel seiner Fläche dezimiert und deckt es heute mit einem fast permanenten Lärmteppich ein. Max Spiess hat sich daran gewöhnt und konzentriert sich auf das Erfreuliche: In Windeseile kann er jedes Vogelgezwitscher seinem Absender zuordnen.

Für Wildbienen

Doch auch Spiess denkt nach 8200 Besuchen im Vogelhölzli – so weist seine Buchhaltung von 1956 bis Ende 2009 aus – an den Auszug aus dem Paradies: «Seit zehn Jahren suche ich Hilfe, aber niemand hat sich gemeldet. Jetzt habe ich dem Tierschutz gesagt, dass er einen Nachfolger für mich suchen muss.»

Nachtrag:

Max Spiess verstarb Ende des Jahres 2010 – zuvor konnte sein Wunsch, eine Nachfolge zu finden, dank dieses BaZ-Artikels erfüllt werden.

Quelle: BaZ vom 15.05.2010, Titel: Der Paradieswächter , Autor: Andreas Hirsbrunner
© Fotos: Helen Liebendörfer, Muttenz

Unterdessen wurde das Vogelhölzli umgestaltet, vor allem soll bei Hochwasser die Birs einen neu gestalteten Seitenarm jeweils mit Wasser füllen.