Schweiz am Sonntag vom 30. Oktober 2016: Die Sanierung auf dem Verwaltungsweg (pdf)

Schweiz aktuell, 21.10.2011, 19:00 Uhr:  Keine Sanierung in Schweizerhalle

„«Schweizerhalle» hatte keine nachhaltige Wirkung“

Peter Donath, Ex-Umweltchef bei Ciba im Interview mit Martin Forter

Industrie und Behörden stellen den Grossbrand bei Sandoz vom 1. November 1986 in Schweizerhalle (BL/CH) gerne als positiven Wendepunkt im Umweltverhalten der Basler Chemie- und Pharmakonzerne dar. Peter Donath, ehemaliger Umweltchef des Basler Chemiekonzerns Ciba Spezialitäten zieht 25 Jahre nach dem Brand eine skeptischere Bilanz: «Schweizerhalle» habe auf die Basler chemische und pharmazeutische Industrie im Umweltbereich „keine nachhaltige Wirkung gehabt“. Im Gegenteil: Sie sei der infolge des Brandes verschärften Gesetzgebung ausgewichen und habe die Produktionen weitgehend von Europa nach Asien verlagert. Damit habe die Branche 10 bis 15 Prozent Umweltkosten pro Kilo Produkt eingespart. Die hier installierte Umwelttechnik wie Kläranlagen und Abluftreinigungen habe sie weitgehend stillgelegt und nehme dafür heute in Asien in Kauf, unter katastrophalen arbeitshygienischen und umwelttechnischen Bedingungen zu produzieren.

Martin Forter*: Seit «Schweizerhalle» haben die Basler Konzerne viele Produktionen aus der Region Basel u.a nach Asien verlagert. Welche Rolle spielt bei diesem Auslagerungsprozess die Verschärfung der hiesigen Umweltvorschriften, z.B. in den 1980 und 90er-Jahre als Folge von «Schweizerhalle»? Sparen die Konzerne durch die Verlagerung der Produktion auch Umweltkosten?

Peter Donath: Man muss sich mal vorstellen: Als ich von 1983 bis 1990 bei Ciba-Geigy für Umwelt zuständig war, hatte die End-of-pipe-Umweltinfrastruktur – also Kläranlagen, Abfall- und Abluftreinigungsanlagen – in der Schweiz und an europäischen Standorten allein bei Ciba-Geigy einen Wert von 800 Millionen Franken. Im Rahmen der Globalisierung schauten die Einkäufer in den Basler Konzernen zuerst nur noch auf den Preis und die Qualität, egal unter was für arbeitshygienischen und umwelttechnischen Bedingungen die chemischen Produkte hergestellt wurden, die sie aus Asien einkauften. Danach wurden die ganzen Produktionen nach Asien verlagert – und diese intakte Umweltinfrastruktur hier in der Region wurde immer weniger ausgelastet bzw. stillgelegt.

Die Kosten einer chemischen Produktion setzen sich aus Infrastruktur-, Arbeits- und Rohmaterialkosten zusammen. So sparen die Basler Chemie- und Pharmakonzerne mit der Produktionsverlagerung nach Asien vor allem bei zwei Posten: Den Arbeits- und den Umweltkosten. Wie viel betrugen die Umweltkosten hier in der Region Basel mit der gesamten Umwelt-Infrastruktur?

Schon in der Ciba-Geigy, aber auch bei der späteren Ciba Spezialitäten wurden in den Standard-Kalkulationen für ein Produkt präzise die Energie- und der Wasserkosten, die Kosten für Hilfsstoffe der Aufbereitung, die Abfallkosten und z.B. die Kosten der Kläranlage aufgelistet. Die Umweltkosten wurden also auf den Kilopreis eines Produkts herunter gebrochen. Als ich dafür verantwortlich war, kam es gar nicht so selten vor, dass 15 bis 20 Prozent der Herstellungskosten umweltbedingt waren. Wenn die wegfallen, ist das schon was. In China sind es dann vielleicht nur fünf Prozent.

Wenn wir «Schweizerhalle», die Chemiemülldeponien, aber auch die Rheinverschmutzung hier in der Region Basel nehmen, fielen und fallen die damals eingesparten Kosten heute um ein vielfaches höher als Kosten für die Einhaltung neuer Gesetze und die Aufräumarbeiten z.B. bei den Deponien auf Novartis, Roche & Co. zurück. Denken Sie, dass Ähnliches in Sachen Chemieabwasser und Chemiemülldeponien in 40 Jahren auch in China und Indien geschehen wird?

Das wird in Indien und China wie eine Flutwelle kommen. Sie ist schon im Anrollen. Sie merken jetzt schon, dass das Wasser zunehmend nicht mehr brauchbar ist. Das wird also keine 40 Jahre gehen. Das kommt viel früher. Das ist heute in China und Indien die klassische Zwischenprodukt- und Farbstoffchemie, wie sie bis etwa in die 1990er-Jahre unter anderem hier in der Region Basel praktiziert worden ist. In China und Indien wird noch häufig ohne geeignete Umwelt-Infrastruktur produziert, die hier in der Region Basel noch immer vorhanden wäre, aber nicht mehr genutzt wird. In China und Indien wird der Chemieabfall meist vergraben und die Lösungsmittel gehen in die Luft. Falls ein Teil regeneriert wird, werden die Destillationsrückstände hinter der Hütte, in der fabriziert wird, vergraben. Was in den 1950er-, 60er- und 70er-Jahren hier mit Chemiemüllablagerung und Rheinverschmutzung geschah, war schon schlimm. Aber was ich in China zwischen 1993 und 2004 an Chemie-Buden gesehen habe, das ist unfassbar, insbesondere bei den chinesischen Herstellern.

Diese chinesischen Hersteller sind aber oft via Joint Ventures mit den Konzernen aus den Industrieländern verbunden. Sie produzieren für die hiesigen Konzerne.

Ja, das ist leider nicht selten so, während hier die in den 1980er-Jahren aufgebaute Umweltinfrastruktur mangels Produktion zerfällt. Aber wie gesagt: End-of-pipe-Umwelttechnik ist nicht die ideale Lösung. Lieber Chemiemüllverbrennung und Kläranlagen als gar nichts.

Hat die Branche aus «Schweizerhalle» gelernt?

Angesichts der Art und Weise, wie sie heute in Asien produziert, muss man leider zum Schluss kommen, dass «Schweizerhalle» keine Nachhaltige Wirkung hatte.

Peter Donath begann 1971 bei Ciba-Geigy im Werk Grenzach (D) als Chemiker in der Verfahrensentwicklung zu arbeiten. Nach fünf Jahren übernahm er die Leitung eines der heikelsten Betriebe, bevor er 1978 den Umweltbereich des Werks aufbaute. 1983 wechselte er als Leiter der Oekologie-Technik an den Standort Schweizerhalle (CH), wo er die weltweite Verantwortung für die Umwelttechnik bis 1990 inne hatte. 1991 bis 1996 war er als Mitglied der Divisionsleitung Pigmente verantwortlich für Technik, Investitionen, Umwelt, Gesundheit und auch die Sicherheit der Produkte. Nach der Fusion von Sandoz und Ciba-Geigy zur Novartis und der Ausgliederung der Ciba Spezialitätenchemie übernahm er von 1996 bis 2004 den Aufbau und die Leitung des Bereichs Umwelt, Gesundheit und Sicherheit im neuen Konzern. (MFo)

* Martin Forter führte das Interview mit Peter Donath im Kontext der Studie "Hidden Consequences, The costs of industrial water pollution on people, planet and profit", Published by Greenpeace International 2011

English translation (Roland Weber and Alan Watson): «“Schweizerhalle” did not have al lasting impact - the environmental risks were outsourced»

Basel, 27. Oktober 2011

Quelle: martinforter.ch

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