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Teil 2: Hintergründe

Protokolle und Zeitungsartikel setzen voraus, dass die Lesenden das Geschriebene anhand der Kenntnis zeitgeschichtlicher Ereignisse und Entwicklungen einordnen können. Für heutige Interessierte dürften die folgenden Abschnitte einige Zusammenhänge klären, um die zitierten Zeitzeugnisse besser zu verstehen.

Muttenz mit Dorfbach, anfangs 20. Jahrhundert (Museen Muttenz)

Gemäss der Volkszählung von 1920 zählt Muttenz damals 3264 Einwohner. Das ländliche Dorf ist noch nicht in den Sog der Agglomeration Basel geraten. Dazu fehlt eine gute Verkehrsverbindung. Die Tramlinie von  St. Jakob nach Muttenz wird im Januar 1921 eröffnet, die Erweiterung nach Pratteln im Oktober 1922. 

In der Gemeinde gibt es einzelne Industrien, so die Saline Schweizerhalle (gegr. 1836), die Verpackungsfirma Haass (gegr. 1897), die CTW Strassenbaustoffe (gegr. 1887). Grössere Firmen mit bedeutenden Beschäftigtenzahlen kommen erst in den späten 20er oder in den 30er-Jahren nach Muttenz, u.a. die Firma Geigy in der Schweizerhalle. Der Grossteil der Lohnabhängigen arbeitet in der Stadt. Nicht wenige von ihnen haben eine Beschäftigung in der Bandfabrikation. 

Bemerkenswert ist, dass trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation Ende der 1910er-Jahre wichtige Projekte angestossen werden. So kaufen drei chemische Firmen aus Basel im Gemeindebann Muttenz <heute Schweizerhalle> eine Bodenfläche von 34 Hektaren für neue Anlagen ( BV 19.3.18) . Und im Oktober 1918 erwerben die SBB von der Basler Bürgergemeinde 400‘000 Quadratmeter „von der Hardwaldung links der Bahnlinie“ zwecks Bau eines Güterbahnhofs. (BV 2.10.18) Das dritte Projekt betrifft den Bau der Überlandbahn von Basel nach Pratteln. Die Diskussion über die Linienführung dauert mehrere Jahre. Realisiert wird sie bis Ende 1921. Für die bauliche Entwicklung von Muttenz wird sie sich in Zukunft als starker Motor erweisen.

Plan von 1917, der beim Verkauf des Rothusareales dem Ratschlag der Bürgergemeinde Basel 1917 beigelegt war.
Novartis AG, Basel, mit freundlicher Genehmigung des Firmenarchivs der Novartis AG Basel

Die Mitgliedschaft der SP ist vor 1920 also noch wenig von der Industriearbeiterschaft geprägt, sondern mehr von handwerklichen Berufen, Verwaltungsangestellten, Post- und SBB-Arbeitern. Es sind damals ausschliesslich Männer, die sich politisch engagieren. Erst im Jahr 1928 ist  von der Gründung einer Frauengruppe die Rede. Die Mitglieder wohnen hauptsächlich im Bereich des heutigen Dorfkerns. Einige wenige leben ausserhalb, z.B.im Schänzli. Das wird sich nach der Eröffnung des Freidorfs ändern; und diese Schwerpunkts-Verlagerung führt denn auch in den Dreissigerjahren innerhalb der Partei zu Reibereien.

Das wirtschaftlich-soziale Umfeld

Die Gründung der SP Muttenz fällt in eine Zeit sozialer Spannungen. In Europa tobt der Erste Weltkrieg. Die Schweizer Soldaten stehen an der Grenze. Sie sind einem preussischen Drill unterzogen, wie ihn General Wille in unverhohlener Sympathie zu Deutschland eingeführt hat. Der „Basler Vorwärts“ berichtet unter dem Titel „Ein Soldatenschinder“ von Schikanen, die einfache Soldaten wegen der Willkür eines Offiziers erleiden (7.11.1917). Wenig später ist die Rede davon, dass sich Soldaten wegen mangelnder Verpflegung beklagen. Die Unterschiede zwischen einfachen Soldaten und dem Offizierskader sind offensichtlich ein Spiegel der Herrschaftsverhältnisse in Wirtschaft und Gesellschaft. 

Die Militär-Notunterstützung kann den Verdienstausfall nicht decken. Eine Arbeitslosenversicherung existiert nicht. Zudem macht eine starke Teuerung Lebensmittel für Arbeiterfamilien fast unerschwinglich. Die Reallöhne für die Arbeiter/innen in der regionalen Industrie sind seit Kriegsbeginn um bis zu 20 Prozent gesunken. Gleichzeitig nehmen Wucher und die Zahl der sogenannten „Kriegsgewinnler“ zu. Die Grippeepidemie von 1918 bringt weiteres Elend mit sich.

 Kriegswirtschaft / Rationierung/Krise und Arbeitslosigkeit

 

Der Parteitag der SP Schweiz vom Dezember 1917 thematisiert die Folgen der Mangelwirtschaft für die Arbeiterschaft. Zwar setzen die Behörden bereits Höchstpreise für Kartoffeln und Milch fest, aber das genügt nicht. In einer Resolution fordern die Genossen die Einführung weiterer Einkaufs- und Verteilungs-Monopole des Staates, nämlich bei Brennmaterialien, Vieh, Fleisch, Fett, Schuhwerk u.a. (BV 3.12.17). Der Lebensmittelmangel ist ein vordringliches Problem, welches die Arbeiterfamilien am meisten drückt. Das Parteiblatt berichtet denn auch über Themen wie Speiseöl, Speisefett, Viehhandel und billiges Fleisch sowie über Wucherfälle vor dem Strafgericht. Die Mangelwirtschaft bleibt auch das Thema des Jahres 1918, ja, sie ist einer der Auslöser des Landesstreiks vom November desselben Jahres.

Mit den 1920er-Jahren, mit der Aufhebung der Rationierung, verlagern sich die Probleme. Die Wirtschaft stockt. Viele Industrielle ziehen ihr Kapital ab ins Ausland. Der Druck auf die Löhne nimmt zu. Lohnabbau auf breiter Front ist die Folge.

 

Ab Frühling 1921 berichten die Medien immer öfter von der Zunahme der Arbeitslosigkeit. "Der Sozialdemokrat" nennt für die Schweiz total 134'009 Arbeitslose, davon allein 47'286 in den Textilindustrie sowie 7660 Ganz- und Teilarbeitslose im Baselbiet (SD 21.3.21) Das bewirkt die Aufnahme dieser Problematik in der politischen Arbeit.

Das politische Umfeld

Die SP Muttenz ist nicht die erste Partei in Muttenz, die sich den Anliegen von Arbeitern annimmt. Der Grütliverein ist schon früher in der Gemeinde aktiv.

Die Grütlianer sind in ihren Anfängen ein Bildungsverein, ihr Motto lautet: „Durch Bildung zur Freiheit“. Ihr Ziel ist es, alle gesellschaftlichen Gruppierungen (Bauern, Handwerker, Intellektuelle) zu einem neuen gesellschaftlichen Miteinander („Rütli-Bund“) zu vereinigen.

Grütlifahne mit Hammer- und Sichelträger,Symbole für Handwerker- und Bauernstand (Hist. Museum Olten)  

Schwerpunktmässig sind bei den Grütlianern Handwerkermeister und ihre Mitarbeiter engagiert. Gemäss der Chronik von Pfr. Obrecht wird am 13. Dezember 1908 mit Th. Schenk ein Grütlianer in den Gemeinderat Muttenz gewählt. Viele Grütlianer sind zugleich auch Mitglied der SP, so z.B. Bernhard Jäggi, der Initiant des Freidorfs. Das Genossenschaftswesen ist ein primäres Anliegen der Grütlianer. Sie gründen Konsum- und WohnbauGenossenschaften sowie Krankenkassen und Kindergärten. 

In Muttenz scheint in den Anfängen der SP eine gewisse Kooperation zwischen SP und Grütlianern funktioniert zu haben. Allerdings verhärten sich nach 1918 die Fronten. Bernhard Jäggi z.B., SP-Grossrat und Nationalrat, zieht sich aufgrund der Radikalisierung der Linken (Landesstreik) ganz aus der Politik zurück. Die Grütlianer lehnen den Landesstreik ab und nähern sich - zumindest im Baselbiet - wieder der dominierenden Fortschrittspartei an. Mit dem Aufkommen der Industrie und damit der Industriearbeiterschaft und der immer offeneren Differenz zwischen Handwerksmeistern und ihren Angestellten verlieren die Grütlianer Mitglieder und lösen sich 1925 auf.

Die dominierende politische Kraft in Muttenz ist die Fortschrittspartei, die 1919 aus der Fusion von Demokraten und Freisinniger Volkspartei hervorgeht. Die SP beobachtet misstrauisch die propagandistischen Bemühungen der neu formierten Partei, die sie als dominierende Konkurrenz betrachtet.

Parteiinterne Strömungen und das gesellschaftliche Umfeld um 1920

Von der Zeit der Gründung der SP Schweiz (1888) bis zum ersten Weltkrieg erscheint die SPS als sozialistische Partei reformistischer Prägung. Benno Hardmeier nennt dafür drei Merkmale: 1. Positive Einstellung gegenüber dem Staat, dessen Umwandlung zur sozialistischen Demokratie auf dem Weg einer friedlich-demokratischen Entwicklung erreicht werden soll, 2. Bejahung der Landesverteidigung, 3. Sozialismus als Angebot an das ganze Volk, nicht nur an die Arbeiterschaft. 

Im ersten Weltkrieg vollzieht sich ein Wandel in den politischen Ideen und der politischen Praxis im Sinne einer Radikalisierung. Ausdruck davon ist die Ablehnung der Landesverteidigung durch den Parteitag im Jahre 1917 und der Ausbruch des Landesstreiks im November 1918. Der Landesstreik hat für die Politik auf allen Ebenen starke Nachwirkungen. Die SP ist für die bürgerlichen Parteien zum Feindbild geworden - und umgekehrt. 

Die Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg zeigt, dass die SP Schweiz eine mittlere Haltung zwischen Reformismus und Revolution einnehmen will. Sie beschliesst einerseits 1919 den Austritt aus der zweiten (reformistischen) Internationale, lehnt andererseits den Beitritt zur 3. Internationale im Sinne einer Absage an den Bolschewismus und Totalitarismus ab. Aber das Parteiprogramm von 1920 spricht von der möglichen Notwendigkeit, die Verwirklichung des Sozialismus durch eine vorübergehende Diktatur des Proletariates zu erreichen. 

Im Rahmen der SP Muttenz ist nur in Ansätzen etwas von diesen ideellen Entwicklungen zu spüren. Sie übernimmt wohl die gesellschaftliche Analyse von Marx und redet vom Kampf der Arbeiterklasse zur Überwindung des Kapitalismus. Sie teilt auch den Anti-Militarismus der Partei aufgrund der Landesstreik-Erfahrungen. Aber sie wirkt vor allem pragmatisch auf kleine Verbesserungen im Alltag ihrer Mitglieder hin.

Der Landesstreik

Im Februar 1918 vereinigt sich aus Vertretern der Gewerkschaften und der Partei unter Führung von Robert Grimm das Oltener Aktionskomitee. Es gelangt mit einem 15-Punkte-Wirtschaftsprogramm mit Schwergewicht Lebensmittelversorgung an den Bundesrat. Im Juli folgen elf Forderungen, die sich mehrheitlich gegen die Einschränkung der politischen Rechte wenden. Die Verhandlungen mit dem Bundesrat verlaufen offensichtlich günstig. Dies vielleicht auch darum, weil immer die Drohung eines Landesstreiks im Raume steht. 

Die Szenerie verdüstert sich aber. Im Herbst 1918 nehmen die Streiks auch in der Region Basel zu. Ende September verweigert das Aktionskomitee den Einsitz in die mit dem Bundesrat vereinbarte eidgenössische Ernährungskommission, weil nur 3 von 13 Mitgliedern aus der Arbeiterschaft delegiert werden können (BV 24.9.18). In Zürich streiken zur gleichen Zeit die Zürcher Bankangestellten. Die Schweizerische Bankiervereinigung schreibt nach Ende des Streiks an den Bundesrat und an die Armeeleitung und fordert künftig ein härteres Auftreten. Am 4. November verlangt General Wille in einem Memorial die militärische Besetzung der grossen Städte

Am 5. November behauptet der a.o. Untersuchungsrichter Heusser (Leiter der Untersuchungen betr. Bombenfunde in Zürich), anlässlich der Feier zum Jahrestag der Russischen Revolution sei in Zürich ein bewaffneter Aufstand zu erwarten. Gleichentags verlangt die Zürcher Regierung vom Bundesrat ein Truppenaufgebot, zwei Tage darauf beschliesst das Oltener

Aktionskomitee einen Proteststreik dagegen. Am 10. November proklamiert die Arbeiterunion Zürich eine unbefristete Weiterführung des Proteststreiks, welchem sich das Aktionskomitee nach erfolglosen Verhandlungen mit dem Bundesrat anschliesst. Am 12.11.1918 um 0.00 Uhr beginnt der Landesstreik

In Basel verhindern zwei bürgerliche und die beiden sozialdemokratischen Regierungsräte einen Truppenaufmarsch, was dazu führt, dass die Demonstrationen friedlich ausgehen.

Der Internationalismus im kommunalen Umfeld

Schon an der Gründungsversammlung vom 22. November 1917 referiert ein Gast über die Arbeiter-Internationale (2. Internationale). Da die Arbeiterparteien der kriegsführenden Länder sich hinter ihre Regierungen stellen, zerbricht diese Organisation an den Auswirkungen des1. Weltkriegs.  Unter dem dominanten Einfluss der Bolschewiki erfolgt darauf 1919 die Gründung der 3. Internationalen.

Die internationale Arbeitersolidarität zeigt sich im kommunalen Umfeld an verschiedenen Punkten. So werden in einer schweizweiten Aktion Arbeiterkinder aus Deutschland in der Schweiz zur Erholung bei Arbeiterfamilien untergebracht, auch in Muttenz. 

Dass 1918 der erste Jahrestag der Russischen Revolution in der Schweiz gefeiert wird ist ein Indiz dafür, dass die Bewunderung für den ersten Arbeiterstaat sehr verbreitet ist. Auch die Aktion für das hungernde Russland anfangs der 1920er-Jahre ist ein Zeichen der Sympathie mit „der Mutter der Revolution“, an welchem sich auch die Muttenzer SP mit einer Sammlung beteiligt.

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