Muttenzer Sagen und Legenden

Nacherzählt nach den Baselbieter Sagen von Paul Suter und dem Muttenzer Heimatbuch 1968

von Helen Liebendörfer

Das geheimnisvolle Burgfräulein

Ein hübsches Burgfräulein hauste einst ganz im Verborgenen in der Nähe des Feldweges zwischen Muttenz und Pratteln in einem kleinen Wäldchen, „Chästeli“ genannt. Das Burgfräulein hatte lange, pechschwarz glänzende Haare und war in ein schneeweisses Gewand gehüllt. Hin und wieder pflegte es in der Dämmerung im Wäldchen spazieren zu gehen, begleitet von einem grossen, schwarzen Hund. Dabei hielt es einen goldenen Stab in der Hand, der ihm geheimnisvolle Kräfte verlieh. Wenn nun ein Gespann auf dem Feldweg unterwegs war, hob das Burgfräulein seinen goldenen Stab und die Pferde blieben sofort stehen und bewegten sich nicht mehr von der Stelle. Andere wiederum sprengten in wildem Galopp davon und waren nicht mehr zu halten. Deshalb gelang es nie jemandem, das Burgfräulein in Ruhe zu betrachten. Die Bewohner von Muttenz und Pratteln wagten nur flüsternd über die wunderbare Erscheinung zu reden, und sie vermieden es nach Möglichkeit, den Feldweg in der Dämmerung zu benutzen.

Der Mönch und der böswillige Geist

Die Hausfrauen stellten früher ihre Wäsche und Kleider selber her; sie webten Leinen auf einem Webrahmen und nähten danach aus dem Stück Leintücher oder Kleider.

Eine alte Frau musste eines Tages feststellen, dass jeden Morgen aufgetrennt war, was sie tags zuvor gewebt hatte. Sie konnte es sich nicht erklären. Jeden Tag arbeitete sie fleissig, musste aber am nächsten Morgen ihre Arbeit immer wieder von vorne beginnen. Sie war bald überzeugt, dass es nur ein böser Geist sein konnte, der ihr zuleide wirkte. Im Dorf verbreitete sich die Geschichte rasch und die Leute wagten nur noch flüsternd am Haus der alten Frau vorbei zu gehen.

Als diese Begebenheit einer Dorfbewohnerin zu Ohren kam, wusste auch sie zu berichten, ab und zu von bösen Geistern heimgesucht worden zu sein. Sie hätte aber Hilfe bekommen von einem alten Mönch, welcher gerade beim Pfarrer auf Besuch weile. Sofort lief die geplagte Frau zu diesem Mönch und bat ihn um Hilfe. Er war dazu gerne bereit, und es gelang ihm auch in kurzer Zeit, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Allerdings stellte sich heraus, dass der ruhelose Geist, der Nacht für Nacht sein Unwesen trieb, ein Mensch von Fleisch und Blut war, nämlich ein böswilliger Nachbar.

Der ruhelose Vatermörder

Der Sohn eines Schmieds wartete ungeduldig auf den Moment, wo er die väterliche Werkstatt übernehmen könnte. Er lebte deshalb in ständigem Streit mit seinem Vater. Eines Tages beschloss er, nicht mehr länger zu warten. In der Dunkelheit der Nacht brachte er den Vater unter einem Kirschbaum um. Er steckte die Leiche in einen Sack und brachte sie heimlich zum Rhein, wo er sie versenkte.

Von nun an hatte der Missetäter aber keine Ruhe mehr. Die Fragen der Leute nach seinem Vater und sein schlechtes Gewissen liessen ihn kaum mehr schlafen und schliesslich starb er elendiglich. Nach seinem Tod hörte man in der Schmiede in manchen Nächten Hammerschläge, denn der Geist des Übeltäters war ruhelos an der Arbeit. Die neuen Besitzer der Schmiede konnten kaum mehr schlafen und liessen schliesslich einen Kapuzinermönch kommen. Der bannte den Geist in eine Flasche und liess sie einmauern. Von da an hatte man in der Schmiede Ruhe; nur unter dem Kirschbaum, wo die Untat geschehen war, sah man hin und wieder in der Nacht einen Hund mit feurigen Augen sitzen.

Ein Vatermörder als Hund

Ein Muttenzer führte zusammen mit seinem Sohn einen Stier nach Basel und verkaufte ihn dort zu einem guten Preis. Aber auf dem Heimweg brachte der Sohn seinen Vater in der Hard um und nahm das viele Geld an sich. Zusammen mit einem Freund legte er die Leiche in einen Sack und warf sie in den Rhein.

Der Sohn wohnte gegenüber der Schmiede, vergnügte sich mit dem Geld, musste aber nach einigen Jahren einen qualvollen Tod erleiden. Seinem Freund erging es nicht besser. Nach dem Ableben sah man oft einen grossen schwarzen Hund beim Haus gegenüber der Schmiede und niemand zweifelte daran, dass das der Sohn war, der Mörder seines Vaters.

Ein Viehhändler hatte unterdessen das Haus gekauft und war nicht glücklich damit, denn nachts konnte er nur mit Licht schlafen, da er sonst immer etwas Unheimliches erblickte. Ein Kapuzinermönch musste Abhilfe schaffen. Er liess zuerst ein Loch in die Hausmauer machen und versuchte dann mit Beten und geheimen Zeichen den Geist in eine Flasche zu bannen. Es gelang nicht sofort, oft war der Geist bereits am Flaschenrand, aber verschwand dann immer wieder im letzten Moment. Schliesslich schaffte der Mönch es doch noch und liess die Flasche danach einmauern. Seither erblickte man nie mehr etwas Unheimliches und auch der schwarze Hund blieb verschwunden.

Die Leute aber meinten: „Gstorbe isch nit gstorbe – es chunnt druuf a, wie me gläbt het.“

Der Hundstrog

Die Bewohner des Dorfes erzählen, dass die Edelleute auf den Wartenbergburgen sich von ihren grossen Hunden die Speise hinauftragen liessen. Andere berichten wiederum, dass die Ritter auf den Wartenbergburgen für ihre Jagdhunde Tröge auf halbem Weg zur Burg aufstellen liessen. Die Leibeigenen des Dorfes mussten täglich dafür sorgen, dass die Hundströge mit Futter gefüllt waren. Wenn sie es vergassen, wurden sie schwer gebüsst und in den Kerker geworfen.

Der Böse in Weibsgestalt

Die Hexenmatte von Pratteln wurde auch von Personen aus den Nachbardörfern aufgesucht. So unter anderem von Jakob Süry aus Muttenz. Er wurde daraufhin der Hexerei angeklagt und gestand vor dem Malefizgericht in Arlesheim 1577, dass er auf der Pratteler Hexenmatte um einen dürren Baum getanzt sei und mit einem Weib geschlafen hätte, nachdem er in Pratteln Wein geholt habe. Danach sei er auf einem Besen heimgefahren, wobei der Böse vor ihm gesessen hätte. Er sei schneller zuhause gewesen, als jemand ein Ei essen würde.

Drei Muttenzer Hexen

1481 wurde in Muttenz eine Hexe verbrannt: „Die Monenin wurde geschert, gefoltert und nach siebenwöchiger Gefangenschaft im September 1481 in einem fremden Hemd in Muttenz als Hexe verbrannt.“ Sie wurde geschert, weil man nach einem „Teufelsmal“ suchte und in einem neuen Hemd verbrannt, weil man meinte, damit ein zauberisches Wirken der Hexe bannen zu können.

 1492 findet sich eine weitere Nachricht einer Hexe aus Muttenz: „Ursel Zymmermennin von Muttenz wurde nach einem vierwöchigen Verfahren vors Hofgericht gestellt und als Hexe lebendig verbrannt. Die Kosten wurden von ihr eingezogen.“ Sie wurde zweimal gebunden das heisst gefesselt, was darauf schliessen lässt, dass sie gefoltert wurde. Die Foltern wurden angewandt, weil man ein Geständnis brauchte, dass sie mit dem Teufel im Bunde sei. Erst mit diesem Geständnis konnte sie als Hexe zum Feuertod verurteilt werden. Die Summe für das Verfahren wurde von ihrem Vermögen abgezogen.

1506 wurde eine Frau als Hexe verdächtigt, aber nicht hingerichtet. Man nahm sie in Muttenz gefangen und brachte sie nach Basel. Eine Woche später heisst es von der Frau von Muttenz „so verlumbdet ist gewesen fur ein hexen“. Es scheint, dass sich die Verleumdung als unwahr herausgestellt hat. Leider wird nichts Genaueres darüber berichtet.

Quellen:

Paul Suter: Baselbieter Sagen, Liestal 1990

Heimatkunde 1968

Über die Hexen in Dietegen Guggenbühl: Mit Tieren und Teufeln, Verlag des Kantons Basellandschaft, 2002, S. 118 ff.Die Geschichte vom Vatermörder als Hund wurde von Frau Portner-Rudin, geb. 1892, erzählt. Sie war Hebamme in Waldenburg, wuchs aber in Muttenz auf. Sie berichtet hier von Erlebnissen ihres Grossvaters.