Der Plan von Meyer aus dem Jahr 1678 gibt Hinweise auf das Alter der heute noch bestehenden Bauernhäuser im Bereich Dorfkern.

Plan von G.F. Meyer, 1678
Karte Staatsarchiv Baselland

Ein 2021 veröffentliche Untersuchung «Inventar Dorfkern Muttenz 2020» zeigt neue Erkennisse über die Siedlungsentwicklung und das Alter der Bauernhäuser.

Es seien wichtige Erkenntnisse aus dieser Studie zitiert:

  1. Das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) bezeichnet in der Aufnahme von Muttenz die Burg-, Geispel- und Gempengasse als Dorferweiterungen des 18. Jahrhunderts. Hier zeigt sich, dass durchaus ältere Bausubstanz vorhanden ist und mit einer viel früher ansetzenden Überbauung gerechnet werden muss.
  2. Vermutlich war die Darstellung der Bebauung an den Dorfrändern unpräzis. So scheinen unter anderem die Areale Baselstrasse/Tubusweg, Burggasse Ost, Geispelgasse Südwest, Gempengasse Süd und die Hofstattbereiche an der Hauptstrasse West und der Westseite des Oberdorfs trotz 1678 fehlender Darstellung bereits damals teils überbaut gewesen zu sein.
  3. Holzgebäude
    Der ortstypische Vertreter des Holzgebäudes war in Muttenz bis sicher ins 16., sogar eventuell bis ins frühe 17. Jahrhundert der Ständerbau. Mit ihren Walmdächern prägten die meist grossvolumigen Gebäude die Hauslandschaft des Basler Untertanengebiets bis weit ins 17. Jahrhundert.
    Die bisher jüngsten dieser grossen Vielzweckbauten in Baselland konnten durch die Holzaltersbestimmung in die 1570er-Jahre datiert werden. Anschliessend wurden vermehrt Steinhäuser erbaut und die bestehenden Holzkonstruktionen zunehmend durch Mauerpartien ersetzt. Letzter Vorgang wird Versteinerung genannt. Er erfolgte in Muttenz im Vergleich zu den meisten anderen Dörfern der Basler Landschaft rund 100 bis 150 Jahre früher. Daher ist der Ständerbau mit Strohdach auf der Dorfdarstellung von 1678 nur noch vereinzelt auszumachen.
  4. Der Versteinerungsprozess erfolgte sehr häufig gestaffelt nach Funktionsachsen. So wurde meist zuerst der Wohnteil umgebaut. In einem zweiten Schritt – wenn wieder ausreichend Ressourcen vorhanden waren – wurde die Ökonomie ebenfalls versteinert. Der Prozess konnte sich über Jahrzehnte hinwegziehen. Wandständer oder gar Firstständer inklusive Dachkonstruktion wurden belassen und ummauert (u.a. Burggasse 8, Burggasse 14, Kirchplatz 8, Kirchplatz 9, Oberdorf 12a). Die ursprünglich mit Bohlen oder Lehm gefüllten Wände wurden ausgemauert (u.a. Oberdorf 12a).
  5. Steinbau
    Beim Steinbau hat sich gezeigt, dass die Mauerstärken von Gebäuden des 17. und 18. Jahrhunderts bei den Aussenmauern sowie der Trennmauer zwischen Tenn und Wohnteil um die 45 bis 50cm, die Brandmauer zwischen Herdstelle und Stubenofenstandort um die 30cm betragen. Ältere Mauern zeichnen sich durch Stärken von 60cm bis 70cm aus und verraten somit einen älteren Kernbau (z.B. Gempengasse 41, Hauptstrasse 65, Kirchplatz 13, Hauptstrasse 19 besitzt sogar Mauern mit einer Stärke von 80cm). Häufig zu beobachten ist das Aufgehen kleiner, einräumiger Steingebäude, vorwiegend Kellerbauten, in um sie herum neu errichteten Bauernhäusern (u.a. Hauptstrasse 42, Hauptstrasse 50, Geispelgasse 12, Hinterzweienstrasse 1, Kirchplatz 13, Tubusweg 2).

Das Aufteilen der Wohnachsen von Bauernhäusern in mehrere Haushaltungen muss vermehrt im Laufe des 18. und vor allem im 19. Jahrhundert (mit merklichem Bevölkerungswachstum in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts) erfolgt sein. Dieser Rückschluss kann gezogen werden, da bei den meisten Gebäuden, bei denen die Brandlagerakten ab 1807 konsultiert wurden, mehrere Küchen verzeichnet sind (z.B. Hauptstrasse 49 mit zwei Geschossen und drei Küchen, Gempengasse 62 mit vier Zimmern und 3 Küchen). Auch in den kleinen Gebäuden mit nur zweiraumgrossen Grundrissen lebte pro Geschoss eine Partei (u.a. Geispelgasse 10, 26, Oberdorf 15). Es kann erstmals von Mietwohnungen ausgegangen werden, wenn «Behausungen» mehrere Küchen aber nur einen Eigentümer ausweisen (z.B. Oberdorf 11 mit 2 Stock, 4 Zimmer, 3 Küchen). Es sei hier jedoch angemerkt, dass im Zuge dieser Bestandsaufnahme nicht ausreichend Ressourcen zur Verfügung standen, anhand der Befunde und der Brandlagerakten herauszuarbeiten, welche Gebäude zuerst nur für einen Haushalt konzipiert waren und später mit weiteren Küchen ausgebaut wurden, und welche bereits seit Beginn zwei oder mehrere Herdstellen aufwiesen.

Laut Steuerrodel von 1750 und 1760 machten neben 27 Bauern mit ihren Angehörigen und 40 Witwen die 127 Tauner mit ihren Familien die Mehrheit der Dorfbevölkerung von Muttenz aus. Die Berufsstände lassen sich durchaus zu einem gewissen Grad mit den Gebäudearten gleichsetzen. Der Begriff des Tauners wurde vom Lokalhistoriker Jakob Eglin (Heimatkundliche Betrachtungen, S. 31f) für Ziegenbauern und Tagelöhner verwendet, die wirtschaftlich von anderen abhängig waren.

Quelle: Gemeinde Muttenz, «Inventar Dorfkern Muttenz 2020», erstellt von Anita V. Springer mehrdimens.ch, 2021