„Da wo du bist, da wo du bleibst, wirke, was du kannst, sei tätig und gefällig und laß dir die Gegenwart heiter sein.“ Anneliese Leiser zitiert aus Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Sie ist 86 Jahre alt, in Deutschland geboren und nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz ausgewandert. Sie wohnt heute im Altersheim „Zum Park“ in Muttenz.

Bevor das Interview losgeht, hat sie uns schon durchschaut: Wir haben noch nie ein Interview geführt. Sie erklärt uns, wie ein Interview geführt wird, und schnell wird klar, dass wir es hier mit einer aussergewöhnlichen Frau zu tun haben. Eine intelligente Frau, die bis in ihr jetziges Alter mit der Zeit geht und einiges zu erzählen hat. Sie hört gerne Musik mit ihrem Laptop. Die Wände ihres Zimmers sind mit Fotos ihrer Familie verziert. Ihre Familie stattet ihr wöchentlich einen Besuch ab.

 

 
Von Haus zu Haus
Nach den schrecklichen Ereignissen in ihrem Heimatland Deutschland suchten sie und ihre Familie in der Schweiz einen Neubeginn. Ihr Vater fand in der ETH Zürich eine Stelle als Dozent. Sie studierte und wurde Psychotherapeutin. Sie lernte ihren Mann kennen, der in der chemischen Industrie tätig war. Daraufhin zog sie zu ihm nach Basel und kurze Zeit später siedelten sie sich in Muttenz an. In ihrem Haus richtete sie sich eine eigene Praxis ein. Ihre drei Kinder wuchsen in der Nähe des heutigen Altersheims auf, das zu dieser Zeit noch eine Grube war. Ihre Kinder spielten oft in dieser Grube und vergruben darin ihre Schätze. Bald stand an dieser Stelle das fertige Altersheim. Ihr Mann verstarb und ihren Beruf als Psychotherapeutin, der ihr einiges an Konzentration und Aufmerksamkeit abverlangte, musste sie altershalber aufgeben. Das Haus wurde ihr trotz der Grosskinder, die sie hütete, unangenehm. Zu viele Erinnerungen an ihren Mann und ihren Beruf verband sie mit diesem Haus, und da ihre Kräfte immer mehr nachliessen, wurde ihr der Alltag zu anstrengend. Daraufhin entschied sie sich, ins Altersheim umzuziehen, wo sie nun seit elf Jahren lebt.

 

  Lernen und Erleben, Loslassen und Vergessen
Wenn wir Frau Leiser zuhören, gewinnen wir den Eindruck, dass sie viele Heimaten hatte. Damals in ihrer Kindheit in Deutschland, dann in Zürich, Basel und die letzten 60 Jahre hier in Muttenz. Aus der Grube, in der einst ihre Kinder spielten, entstand ihr neues Zuhause. Ihr Zimmer, die Beleuchtung, der Park draussen und die Jahreszeiten sorgen für Vertrautheit. Die Mitbewohner und ihre Familie, die sie oft besucht, machen es ihr hier angenehm.
Es sind nicht nur der Ort und die Menschen, die das Heim zu ihrer Heimat machen, sondern auch ihre Hobbys. Sie liest sehr gerne Bücher und Zeitschriften, und die Musik, die sie hört, erinnert sie an die Vergangenheit. Sie spielte früher Klavier und ihre drei Kinder spielten auch ein Instrument. Doch einiges musste sie leider auch aufgeben. Früher ging sie gerne spazieren, war Hobby-Fotografin, und ihren Beruf vermisst sie auch. Es sind Bruchstücke ihrer Heimat, die sie zurücklassen muss.

Das was uns Frau Leiser über das Leben sagt, macht uns nachdenklich. Sie sagt, dass für uns junge Leute Lernen und Erleben wichtig sind. Im Alter gewinnen Loslassen und Vergessen immer mehr an Bedeutung. Als sie einmal auf dem Friedhof war, erinnerte sie sich an einen verstorbenen Mitbewohner. Sein Tod lag zwar nur ein Jahr zurück, aber trotzdem hatte sie ihn beinahe vergessen. Das stimmt sie über sich und ihren eigenen Tod nachdenklich. Sie fragt sich, ob sie auch so schnell vergessen wird.

Die kindlichen Bedürfnisse Sicherheit und Geborgenheit verflüchtigen sich mit dem Alter. Frau Leiser kommt heute in der Ungeborgenheit zurecht und will das Leben so lange geniessen, wie es ihr noch möglich ist. Das Altersheim wird demnächst abgerissen und das neue Gebäude wird in vier Jahren stehen. Sie freut sich darauf und hofft dies noch mitzuerleben. Am Ende des Interviews machen wir noch ein paar Fotos. Sie gibt uns vor, wie wir sie fotografieren sollen. Dies verstärkt noch einmal unseren anfänglichen Eindruck von ihr: eine starke, selbstbewusste und selbstständige Frau.

Stefan Jakovljevic, Rohat Barihas