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Hauptstrasse 83

Die äussere Gestalt des Hauses mit der roten Backsteinmauer und dem Treppengiebel war ein baulicher Fremdkörper neben den schlichten Muttenzer Bauernhäuser. Die Fassade wies eine Besonderheit auf: Es gab zwei Eingänge zum Restaurant, nämlich je ein Eingang an der südlichen und nördlichen Hausecke. Im Zuge einer Sanierung wurde 1947/48 aus dem romantisierenden Bau eine schlichte Gemeindestube. Vierzig Jahre später schlug jedoch ihre letzte Stunde, an ihrer Stelle wurde 1978 eine Bank-Filiale errichtet.

Links die grosse Terrasse der Hauptstrasse 79 (Basellandschaftliche Kantonalbank)

Links die grosse Terrasse der Hauptstrasse 79 (Basellandschaftliche Kantonalbank)
Museen Muttenz, Lizenzbedingungen CC BY-NC-SA 4.0

Das Central, versteckt hinter dem Oekonomiegebäude "im Hof", Aufnahme vom 01.06.1909

Das Central, versteckt hinter dem Oekonomiegebäude "im Hof", Aufnahme vom 01.06.1909
Staatsarchiv Baselland, STABL_VR_3317_B07_004b (Ausschnitt)

zwei Eckeingangstüren, um 1930, Museen Muttenz, Lizenzbedingungen CC BY-NC-SA 4.0

Eine romantisierende Fassade mit Staffelgiebel und einer Besonderheit: An der südlichen und nördlichen Ecke befand sich je eine Eingangstüre. Um 1930
Museen Muttenz, Lizenzbedingungen CC BY-NC-SA 4.0

nach dem Umbau 1947

Luftaufnahmenach dem Umbau 1947
Museen Muttenz, Lizenzbedingungen CC BY-NC-SA 4.0

Gemiendestube, alkoholfreies Restaurant, o. J.

Die Gemiendestube mit alkoholfreiem Restaurant, o. J.
Museen Muttenz, Lizenzbedingungen CC BY-NC-SA 4.0

Gemeindestube mit Garten, o. J.

Gemeindestube (von der Tramseite her) mit Garten, o. J.
Museen Muttenz, Lizenzbedingungen CC BY-NC-SA 4.0

Gemeindestube in den 1960er-Jahren

Gemeindestube in den 1960er-Jahren mit alkoholfreiem Restaurant
alkoholfreies Restaurant. Museen Muttenz, Lizenzbedingungen CC BY-NC-SA 4.0

Marktstände zum Verkaufen des Inventars vor dem Abriss 1978

Vor dem Abriss 1978: Marktstände zum Verkaufen des Inventars
Hans Imbeck-Kobi, Muttenz, Museen Muttenz, Lizenzbedingungen CC BY-NC-SA 4.0

Kurz vior dem Abriss, 1978

Kurz vior dem Abriss, 1978
Hans Imbeck-Kobi, Muttenz, , Museen Muttenz, Lizenzbedingungen CC BY-NC-SA 4.0

Im Erdgeschoss ist Schweizerischer Bankverein eingemietet.  Links befindet sich das Restaurant Wiedhopf, 1993

Im Erdgeschoss ist Schweizerischer Bankverein eingemietet.  Links befand sich das Restaurant Wiedhopf, 1993
Karl Bischoff, Museen Muttenz, Lizenzbedingungen CC BY-NC-SA 4.0

1929 Wirtschaftspatent Gesuch für Central: Witwe Wälterlin-Plattner, nachdem ihr Mann Eduard Wälterlin-Plattner unerwartet verstorben war (GRP vom 3.10.1928 Nr. 1746)
15.4.1943 Edmund Wälterlin-Seiler hat Central gekauft. RR bewiiiigt Traugott Hoppler die Wirtebewilligung nur auf Zusehen hin.
1946 Traugott Hoppler-EgIin gibt Central auf.
12.1.1947 eröffnet die alkoholfreie Gemeindestube.
1978 Neubau, eingemietet der Schweiz. Bankverein, daneben das Restaurant „Wiedehopf“ (heute Raiffeisenbank)
8. März 1996 Gemeindestubenverein beschliesst Verkauf der Gemeindestube „Wiedehopf“
14.12.2000 Verkaufsvertrag zwischen Gemeindestubenverein Baselland und der Schweizerischen Rentenanstalt Zürich

 

 

 

 

 

 

Vom Schnaps zum Kaffi

Nicht nur Bier und Wein, besonders Schnäpse mussten es sein, die im einstigen Restaurant «Central» verlangt wurden.

Schon in aller Morgenfrühe fing es an. Nach 4 Uhr begannen die Arbeiter der mehr-jährigrn Arbeiten zur Gestaltung des Güterbähnhofes Muttenz. Viele Arbeiter aus Muttenz waren dabei. Noch halb schlafend und mit nüchternem Magen eilten sie von ihren Wohnungen im Dorf Richtung Bahnhof mit Verschnaufpausen in den vom Kirchplatz bis zur Station am Weg liegenden Wirtschaften. um ein oder mehrere Gläschen aufwärmende Schnäpse zu genehmigen. Für jeden war in seinen Stammwirtschaften sein gefülltes Gläschen bereit, damit ja keine Wartezeit entstand. Besonders gut eignete sich das «Central», denn diese Leute in Eile konnten beim oberen Eckeingang hinein, am Buffet vorbei, und am unteren Eckeingang gleich wieder hinaus, was am laufenden Band geschah.

Am Abend bevölkerten andere Stammgäste das Restaurant Central. Auch für diese war das gebrannte Wasser ein Genuss. Ein solcher Genuss geht aber selten andächtig und still zu Ende. Das erlebten die damaligen Muttenzer Bürger zur Genüge. Weil die Polizeistunde nicht immer eingehalten wurde, und weil die Alkoholseeligen aus dem Wirtshaus hinaustorkelnden Gäste oft lautstark die Strassenlaternen anstelle des Mondes besangen, oder sich in gegenseitiger Umarmung noch einen recht fröhlichen Heimweg wünschten. Alle solchen harmlosen Abstecher erregten aber mit der Zeit doch öffentliches Ärgernis, für eine damalige wohl gesittete bäerlich-bürgerliche Bevölkerung.

So wie der Gastbetrieb anstossend wirkte, so wirkte auch die äussere Gestalt des Hauses störend. Ein baulicher Fremdkörper mit einer kitschigen romantischen Strassenfassade in allernächster Nähe der vielen zweckdienlich schönen einfachen Muttenzer Bauernhäuser mit den behäbigen Dächern und den runden Toren. Diese Fassade vom Central mit Eingängen zur Wirtschaft an der südlichen und nördlichen Hausecke – mit auffallend rotem Backsteinmauerwerk vom 1. Stock und mit einem hierzulande ortsfremden Treppengiebel wurde je länger je mehr als Schandfleck mitten im Dorf empfunden.

Als der Zeitpunkt nahte, da diese Beiz in andere Hände übergehen sollte wurde der Moment für eine Sanierung im Allgemeininteresse von einigen Weitblickenden erfasst. Unter der Initiative vom längst verstorbenen Schlossermeister Meier interessierte sich der Gemeindestubenverein zur Übernahme dieser Liegenschaft für seine Betätigung mit einer alkoholfreien Wirtschaft und einem Vereinssaal. Dank den zielbewussten Bemühungen des damaligen Gemeindepräsidenten Prof. Dr. K. Leupin konnte eine erfreuliche Lösung gefunden und verwirklicht werden. Der Gemeindestubenverein wurde Eigentümer. Ohne viel Kapital aber mit Zuwendungen und Unterstützungen der Behörden und des Schweiz. Frauenvereins für Gemeindestuben, konnte dann auch der vom Schreibenden projektierte Umbau mit den allerbescheidensten Mitteln zum heute noch bestehenden Zustand verwirklicht werden. Dies war im Jahr 1947-48.

Nun heute nach 30jähriger Selbständigkeit der Gemeindestube, hat sich die Finanzwirtschaft dieser Liegenschaft angenommen, um in einem Neubau, nebst der Gemeindestube, eine Bank-Filiale zu errichten.

Dies auch ein Hinweis auf die Schweiz als Wirtschafts-Demokratie.

Werner Röthlisberger. Architekt, 1978