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Aus den Erinnerungen von Johannes Iseln 1875 - 1945:

Als ich anfangs der achtziger Jahre als kleiner Knabe auf die Gasse kam und anfing, mir die Dinge zu besehen, hatten sich die Gassen, mit Ausnahme des Unterdorfs, gegenüber der vorhin gegebenen Beschreibung nicht oder kaum merklich verlängert. Am Ende der Burggasse war ein einziges Haus, die Pension Wartenberg hinzugekommen.

1896: Von diesen Wanderungen kehrte ich gewöhnlich um die Mittagsstunde nach Muttenz zurück und speiste bei Fritz Schorr z. Rössli oder bei Emil Ramstein z. Rebstock oder in der Pension Wartenberg zu Mittag, und schlug darauf in dieser oder jener Gesellschaft den Nachmittag todt. Im Rebstock fand sich gewöhnlich Gesellschaft zu einem Kaffeejass, ebenso im Rössli; oft begleitete ich Fritz Schorr auf geschäftlichen Ausfahrten. In der Pension Wartenberg fanden sich etwa Gäste aus Basel, mit denen ich mich unterhalten konnte oder es gab längere Plauderstündchen mit der Hausfrau Witwe Brüderlin - Mesmer- und ihrer ledigen, damals zirka 52jährigen Tochter Susette (Susanne).

 „Ein gern gemachter Abstecher von da aus war für mich die Gempenfluh. Von den Stollenhäusern aus führt der Weg durch schönen Wald, den ich oft beging. Zur selbigen Zeit wurde auf der Fluh ein 30 m hoher eiserner Aussichtsthurm erbaut. Ein in Muttenz wohnhafter Bauschlosser namens Ruckstuhl, montierte denselben. Von da an wurde bisher auf der Fluh an schönen Sonntagen gewirtet. Der damalige Wirt, Vögtlin vom Gempenstollen, kam zuweilen auch werktags hinauf und offerierte in seinem kleinen Keller ein Glas.

Die Wittwe Brüderlin ist eine Tochter des früher erwähnten Regierungsraths und Schlüsselwirts Johannes Mesmer in Muttenz. Mit ihrer Schwester, Frau Pfarrer Linder in Muttenz, teilte Frau Brüderlin das Schicksal eines frühen Wittwenstandes. Ihr Mann war in jungen Jahren im St. Albanteich bei St. Jakob ertrunken. Längere Zeit hatte die Wittwe mit ihrer einzigen Tochter in Basel gelebt, und später mit Hülfe dieser Tochter, der eine kleine Erbschaft zugefallen war, die Pension Wartenberg bauen lassen. (Regierungsrath Mesmer selbst hatte wenig Vermögen hinterlassen. Durch die Wirren der dreissiger Jahre hatte er vieles eingebüsst, und später auch manches durch Güte verloren, sodass für seine Kinder bei seinem Tode wenig mehr abgefallen war.) Seither führten die beiden Damen dort oben ein bescheidenes Dasein.

Um jene Zeit- als ich anfing regelmässig in dem Hause zu verkehren, stand die Wittwe Brüderlin bereits mitte der siebziger Jahre, war aber noch munter und wusste stets etwas zu erzählen von dem was sie in der bewegten Zeit erlebt hatte. Da ihr Vater politisch stets im Vorgrund gestanden, so hatte während und nach den Wirren der dreissiger Jahre im Schlüssel fortwährend ein reger Verkehr geherrscht, der des Interessanten genug gebracht. Eine sehr bewegte Zeit war ferner um das Jahr 1848 gewesen, als die Freiheitsbestrebungen in Deutschland niedergedrückt worden waren, und sich eine Flut von Flüchtlingen - worunter viele Männer von Geist - nach der Schweiz ergossen hatte. Manche von den Geflohenen hatten damals beim Schlüsselwirt Unterkunft gefunden, unter ihnen auch der badische Anführer Hecker mit seiner Familie. Solang Mesmer gelebt, war der Schlüssel die angesehenste Wirtschaft gewesen in Muttenz, in der meist nur gutes Publikum verkehrt hatte. Durch die kraftvolle, charackterfeste Person des Wirts war dieselbe vor allem ein Zentrum gewesen, von dem gute, gemeinnützige und freiheitlich Bestrebungen ausgegangen waren.

Güte, eine hervorragende Eigenschaft des Vaters, war auch Frau Brüderlin stets in hohem Masse eigen. Obgleich sie sich seit dem Tode ihres Mannes dürftig durchs Leben bringen musste, fand sie bisher doch immer Mittel u. Zeit für die Armen, und, oft ich damals und seither zu ihr gekommen bin, nie hörte ich eine Klage über ihre Lippen gehen. Ihr geht es immer gut, sie ist eben für sich die Anspruchslosigkeit selbst.

Von ähnlichem Typus ist ihre Tochter Susette, jedoch nicht so gelassen, sondern von mehr entschiedenem Wesen wie ihr Grossvater. von früher Jugend auf stand sie mit ihrer Mutter und wenig Besitz allein in der Welt., sodass des Lebens Härten in hohem Masse an sie herangetreten waren. Vermöge ihrer guten Erziehung und ihrer Intelligenz erwarb sie sich im Haus- und wirtschaftswesen sowie in der Krankenpflege bedeutende Kenntnisse. Angeregt durch das rege politische Leben das seiner Zeit im Hause des Grossvaters geherrscht, behielt sie auch für alles was in der Welt vor sich ging ein offenes Auge, sodass sie eine gute Gesellschafterin war.

Wenn man sich nun zu den beiden charaktervollen, an Erfahrungen reichen Damen noch dem Dorfe hinzudenkt, so wird es nicht weiter wundernehmen, dass ich so oft dort oben Einkehr hielt.“